Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

Griechenland: Folgen der Kürzungen

In Griechenland gibt es kein Sozialhilfesystem. Wer mehr als zwölf Monate arbeitslos ist, erhält nicht nur keine weitere Unterstützung, er verliert auch seine Krankenversicherung. Langzeitarbeitslose und ihre Familien haben weder Anspruch auf Gesundheitsvorsorge, also Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen und ähnliches, noch auf ärztliche Behandlung im Krankheitsfall.

Krise und Austeritätspolitik haben die Anzahl der Betroffenen dramatisch ansteigen lassen. Bei einer Arbeitslosenquote von offiziell mehr als 23 Prozent, von denen über die Hälfte bereits aus dem ohnehin schwachen staatlichen sozialen Netz gefallen sind, haben mehrere Millionen Menschen in Griechenland keinen Zugang zum staatlichen Gesundheitssystem mehr. Griechische Nichtregierungsorganisationen wie »Ärzte ohne Grenzen«, die vormals hauptsächlich in ausländischen Kriegs- und Krisengebieten tätig waren, müssen sich mehr und mehr um die Notversorgung der einheimischen Bevölkerung kümmern.

»Rizospastis«, die Zeitung der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE), hat die düsteren Ergebnisse einer aktuellen Studie veröffentlicht: Danach wurden im Erhebungsszeitraum 3.596 Unversicherte und ihre Kinder von den Ärzten untersucht. Häufig wurden schwere Krankheiten wie Krebs, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf- Erkrankungen, Diabetes, Osteoporose, Schilddrüsenfunktionsstörungen und psychologische Erkrankungen diagnostiziert. Bei 20 Prozent der Untersuchten wurde ein lebensgefährliches Geschwür, Gallensteine oder ein Aneurysma festgestellt. Mehr als 100 von ihnen erklärten, sich die nötige Operation trotz drohender Lebensgefahr nicht leisten zu können. Bereits ausgerottet geglaubte lebensgefährliche Krankheiten wie Tetanus, Polio oder Meningitis sind wieder aufgetaucht.

Fast die Hälfte der Patienten im Untersuchungszeitraum war nach Verlust des Arbeitsplatzes aus der Krankenversicherung geflogen, fast 90 Prozent von ihnen innerhalb der vergangenen drei Jahre, also seit Inanspruchnahme des »Europäischen Rettungsschirms« durch Griechenland.

Heike Schrader

Donnerstag 23. August 2012