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Gemeinschaftskraftwerk auf dem Ostufer:

Kiels Ausstieg aus der Kohle verzögert sich

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Die Baustelle in Dietrichsdorf. ( Bild: Stadtwerke Kiel)

01. April 2018 Nun ist es sozusagen amtlich. Ende Februar haben die Eigner des Gemeinschaftskraftwerks auf dem Ostufer in Dietrichsdorf – die Stadtwerke Kiel und Uniper (ehemals E.on), die jeweils 50 Prozent halten – die Verlängerung des Betriebs um ein weiteres Jahr vertraglich fixiert. Das Kraftwerk soll nunmehr am 31. März 2019 stillgelegt werden. Dann wird die betagte Anlage fast 49 Betriebsjahre auf dem Buckel haben. Die Verlängerung sei nötig geworden, weil es beim Ersatzbau Verzögerungen gebe, heißt es bei Uniper. Für die 323 Megawatt (MW) elektrischer Leistung wäre das sicherlich kein Problem angesichts der inzwischen beachtlichen Überkapazitäten im deutschen Netz. Anders sieht es allerdings bei der Fernwärme aus, für die nicht so einfach Ersatz zu beschaffen ist.

Andererseits konnte aber Mitte März trotz Minustemperaturen die Fernwärmeversorgung Kiels auch ohne das Gemeinschaftskraftwerke sicher gestellt werden, als dieses wegen eines Schadens am Generator ausgefallen war. Wie dem auch sie, etwa 80 Mitarbeiter sollen nun den Weiterbetrieb im letzten Jahr im letzten Jahr sichern, schreibt Uniper in einer Pressemitteilung. Fernwärme wird in Kiel außerdem von den Heizwerken in Mettenhof, am Kanal und in der Humboldtstraße sowie vom Müllheizkraftwerk ins Netz gespeist.

Das alte Kraftwerk auf dem Ostufer soll durch das sogenannte Küstenkraftwerk K.I.E.L. der Stadtwerke ersetzt werden, das aus 20 Gasmotoren mit einer Gesamtleistung von 190 MW bestehen wird. Deren ins Fernwärmenetz eingespeiste Abwärme wird maximal ebenfalls 190 MW betragen. Die neue Anlage wird wesentlich flexibler agieren können. Das ist wichtig, weil zum einen der Strombedarf im Tagesverlauf schwankt und zum anderen die Windkraft- und Solaranlagen wetterabhängig einspeisen. Gaskraftwerke werden dafür dringend als flexible „Lückenbüßer“ gebraucht. Kohle- und vor allem Atomkraftwerke sind für diese Aufgabe viel zu unflexibel. Und da Sonne und Wind 2017 bereits 6,1 bzw. 16,2 Prozent der deutschen Stromproduktion lieferten – insgesamt stellen die Erneuerbaren schon ein gutes Drittel – wird es langsam Zeit, dass die schwerfälligen Oldtimer den Weg frei machen.

Flexibilität für die Energiewende

Die höhere Beweglichkeit wird durch unterschiedliche Aspekte erreicht: Erstens sind die 20 Motoren natürlich einzeln ansteuerbar. Zweitens können sie nach Angaben der Stadtwerke innerhalb von fünf Minuten auf die volle Leistung hochgefahren werden. Das alte Kraftwerk braucht hingegen vier Stunden, um von Null auf 100 zu kommen. Und schließlich wird es drittens auch noch einen Wärmespeicher geben. Dieser ist bereits als 60 Meter hoher Turm auf dem Betriebsgelände zu ekennen. Künftig wird er dafür sorgen, dass die Abwärme nicht verloren geht, wenn die Gasmotoren Strom zu einer Zeit produzieren, in der der Wärmebedarf gering ist.

Als Bonus gibt es viertens auch noch eine sogenannte Power-to-Heat-Anlage. Mit der kann im Bedarfsfall das Fernwärmewasser elektrisch aufgeheizt werden. Das macht dann Sinn, wenn besonders viel Windstrom im Netz ist, für den es anderweitig keine Verwendung gibt. In Dänemark, das inzwischen fast 50 Prozent seines Strombedarfs mit Windenergie deckt, sind solche Anlagen bereits weit verbreitet, und in China hat man sich von den Dänen entsprechend beraten lassen, um nun diese Technik auch im Land der Mitte einzuführen.

Das hört sich alles schon recht interessant an. Auf jeden Fall werden die Feinstaub-, Stickoxid- und Quecksilberemissionen durch den neuen Brennstoff Erdgas erheblich zurück gehen. Auch das Treibhausgas CO2 soll um 70 Prozent reduziert werden. 2015 wurden im Gemeinschaftskraftwerk nach den im PRTR-Schadstoffregister des Umweltbundesamtes veröffentlichten Daten 1,44 Millionen Tonnen CO2, 1060 Tonnen Stickoxide, 386 Tonnen Schwefeldioxid und 16,2 Kilogramm Quecksilber emittiert. Bei den anderen Schadstoffen wie Feinstäuben, Blei und Arsen wurde der Schwellenwert für die Meldepflicht offenbar nicht überschritten.

Besser aber noch nicht gut

30 Prozent von 1,44 Millionen Tonnen Treibhausgase wären immer noch 432.000 Tonnen. Das ist offensichtlich nicht Null. Soll aber die globale Erwärmung tatsächlich auf deutlich unter zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau beschränkt werden, wie es von der internationalen Gemeinschaft zu letzt 2015 in der Pariser Klimaschutzvereinbarung verabredet wurde, müssten die Emissionen weltweit bis Mitte des Jahrhunderts – und in Deutschland schon deutlich früher – vollkommen gestoppt werden.

Für das neue Kieler Kraftwerk hieße das, dass es entweder schon bald wieder geschlossen werden müsste, oder dass nicht Erdgas sondern ein klimaneutrales Gasgemisch verbrannt würde. Erdgas besteht überwiegend aus Methan mit geringen Anteilen von Wasserstoff. Methan lässt sich auch aus Vergärung von biologischen Abfällen und Pflanzen gewinnen, wie es in den Biogasanlagen inzwischen gang und gäbe ist. Für die Einspeisung ins Erdgasnetz muss Biogas aber gereinigt und komprimiert werden. Allerdings ist das Potenzial in Deutschland begrenzt und bei weitem nicht ausreichend, um den derzeitigen Erdgasbedarf zu ersetzen.

Eine andere Möglichkeit ist, Solar- und Windkraftanlagen über den unmittelbaren Strombedarf hinaus zu errichten und deren überschüssigen Strom für die Produktion von Wasserstoff und Methan zu verwenden. Für letzteres müsste außerdem CO2 entweder aus der Luft oder den Abgasen von Biogasanlagen gewonnen werden. Das Problem bei diesem Verfahren ist unter anderem, das schätzungsweise 40 bis 50 Prozent der im Strom vorhandenen Energie ungenutzt verloren ginge. Eine Verbesserung des Wirkungsgrades scheint aber noch möglich.

Ende Gelände

Uniper ist übrigens eine erst 2016 vollzogene Ausgründung aus dem Stromgiganten E.on, in den dieser seine konventionellen Kraftwerke, das heißt, die mit Kohle, Erdgas und Uranbrennstäben betriebenen Anlagen, sowie den globalen Energiehandel ausgliederte. Bei Uniper ist also auch das AKW Brokdorf gelandet. (Zu den dortigen Zuständen gibt es im neuesten Gegenwind einen interessanten Bericht.)

53,35 Prozent der Anteile wurden an die E.on-Aktionäre verteilt, während die restlichen 46,65 Prozent zunächst bei E.on verblieben und zu Anfang des Jahres für 3,8 Milliarden Euro an den finnischen Stromkonzern Fortum verkauft wurden, Dieser machte außerdem den übrigen Aktionären ein Übernahmeangebot, dessen Ausgang noch offen ist.

Beim Uniper-Management ist man von der Transaktion wenig begeistert. Fortum, so beklagte sich Uniper-Chef Klaus Schäfer in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters, sei ein „Wolf im Schafspelz“. Das Unternehmen strebe eine Stromproduktion ohne Kohlendioxid an, während Uniper auf Kohle- und Gaskraftwerke setzen.

Derweil hat E.on Anfang März eine weitere Rochade angekündigt. Von RWE soll dessen Ausgründung Innogy übernommen werden, um diese zu zerschlagen. E.on bekommt das Netzgeschäft während RWE von Innogy und E.on das Geschäft mit den erneuerbaren Energieträgern erhält, was im wesentlichen aus Beteiligungen an großen Windparks besteht. RWE wird künftig auch Anteile von E.on halten, die beiden alten Oligopolisten werden also miteinander verflochten.

RWEs konventioneller Kraftwerkspark, der unter anderem aus großen Braunkohlekraftwerken und den dazu gehörigen Tagebauen im Rheinland besteht, soll offenbar weiter betrieben werden. Braunkohle ist wegen des geringen Brennwertes der mit Abstand klimaschädlichste aller fossilen Energieträger. In Deutschland wurde 2017 noch immer 22,7 Prozent des Stroms in Braunkohlekraftwerken gewonnen, was weltweit der höchste Anteil ist.

Im Rheinland, im Hambacher Forst am gleichnamigen Tagebau, hatten am 18.3., kurz vor Redaktionsschluss, erneut Umweltschützer gegen Rodungen protestiert. Dies berichtete die Kampagne „Ende Gelände“ in einer Pressemitteilung. Zum ersten Mal seit 40 Jahren sei es im Winter 2017/18 über eine ganze Rodungsperiode gelungen weitere Abholzungen zu verhindern. Die Kampagne, die sich für den Stopp des Braunkohleabbaus und einen sofortigen Ausstieg aus der Kohlenutzung einsetzt, kündigte weitere Aktionen des massenhaften zivilen Ungehorsams an.


(wop)