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Bombenstimmung:
„Wehrtechnik-Unternehmen prägen den Industriestandort Schleswig-Holstein“
In den Chefetagen der schleswig-holsteinischen Rüstungsbetriebe knallen die Sektkorken. Ende August konnte Dieter Hanel, Vorstandssprecher des Arbeitskreises Wehrtechnik, auf boomende Geschäfte verweisen. Die Branche setzt jährlich zwischen zwei und drei Milliarden Euro um. Mit besonderem Stolz hob er die Börsengänge der Rüstungswerft TKMS und von Vincorion hervor. Vincorion ist ein deutsches Technologieunternehmen mit Sitz in Wedel, das mechatronische Komponenten für Anwendungen in der „Verteidigungs“- und Luftfahrtindustrie produziert. Zudem verwies Hanel auf weitere Zukunftsprojekte.

So baut die Flensburger Fahrzeugbau-Gesellschaft (FFG) ein drittes Werk in Handewitt im Kreis Schleswig-Flensburg. Der Spatenstich für den Bau der Rüstungsfabrik war Anfang Februar erfolgt. Auf einer Fläche von etwa 18 Fußballfeldern sollen modernste Fertigungs- und Instandsetzungsanlagen entstehen, in denen das selbst entwickelte Kettenfahrzeug ACSV G5 und der Unterstützungspanzer Wisent 2 produziert werden sollen. Im Juli war bekannt geworden, dass sich FFG auf eine Übernahme durch die Deutz AG, dem börsennotierten Motorenhersteller, geeinigt habe.
Ein weiteres traditionsreiches Flensburger Unternehmen setzt dem Vernehmen nach nun ebenfalls schwerpunktmäßig auf Rüstungsproduktion. Die Flensburger Shipyard, noch bekannt als FSG (Flensburger Schiffbau-Gesellschaft), die Anfang 2025 von der Bremerhavener Rönner-Gruppe aus der Insolvenzmasse des windigen Herrn Windhorst übernommen wurde, will jetzt Seedrohnen im großen Umfang produzieren. In Kooperation mit dem Berliner Rüstungs-Start-Up „Stark Defence“ plant die Werft den Bau „unbemannter Überwassersysteme“ in unterschiedlicher Größe. „Damit erweitern wir unser Portfolio um ein Zukunftsfeld, das perfekt zu unserer Tradition als Innovationswerft passt“, so Werft-Geschäftsführer Frank Mallon (FAZ 3.9.26).
Noch nie haben so viele Menschen in Schleswig-Holstein in der Rüstungsindustrie gearbeitet; rund 10.500 Beschäftigte sind es mittlerweile in 46 Unternehmen. Gerade in der Landeshauptstadt Kiel hat die Rüstungsindustrie eine außerordentlich hohe wirtschaftliche Bedeutung. Während die Zahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe in der Landeshauptstadt auf rund 12.800 im Jahr 2025 zurück ging, verzeichneten die 23 Rüstungsunternehmen einen Anstieg auf rund 7.400 Beschäftigte, 12,4 Prozent mehr als im Vorjahr.
Fazit des „Arbeitskreises Wehrtechnik“: „Die Wehrtechnik-Unternehmen prägen zusehend den Industriestandort Schleswig-Holstein“ (shz 28.8.26). Als Gründe für die gute wirtschaftliche Situation wird vor allem die Ausrüstung der Bundeswehr und die Unterstützungsleistungen für die Ukraine hervorgehoben. Positiv wird angemerkt, dass es gegenwärtig deutlich weniger Exportrestriktionen gebe – von daher planen die Rüstungsunternehmen auch, ihre Auslandsaktivitäten zu erhöhen.
Kieler U-Boot-Bauer auf Wachstumskurs
Das Paradebeispiel dieser Entwicklung ist die TKMS-Rüstungswerft. Laut aktuellem Geschäftsbericht stieg der Betriebsgewinn auf 60 Millionen Euro – das ist ein Plus von 14 Prozent. Außerdem habe TKMS seinen Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um zehn Prozent auf rund 1,2 Milliarden Euro gesteigert. (ndr-online 11.05.2026).
Und neue große Pläne liegen bereits auf dem Tisch. Da das Projekt zum Bau von F126-Fregatten (bei deren Plänen TKMS außen vor war) vom Bundesverteidigungsministerium jetzt offiziell beendet wurde, werden stattdessen nun acht kleinere Fregatten des Typs "Meko-200" angeschafft – gebaut bei TKMS.
Weiterhin sieht TKMS neue Möglichkeiten in Lateinamerika. Wie das deutsche Verteidigungsministerium im April berichtete, unterzeichneten Verteidigungsminister Boris Pistorius und Brasiliens Außenminister eine Absichtserklärung, die zum einen vorsieht, dass Berlin und Brasília „bei diversen maritimen, landgestützten und luftgestützten Beschaffungsprojekten verstärkt zusammenarbeiten.“ U. a. einigten sich beide Seiten auf die Lieferung von vier Fregatten an die brasilianische Marine. (1)
Bereits 2019 gelang es TKMS einen Auftrag zur Lieferung von vier Fregatten des Typs MEKO A-100 an Brasilien zu erhalten. Die Schiffe werden in Brasilien gebaut – von dem Konsortium Águas Azuis in Itajaí, das von TKMS und dem brasilianischen Konzern Embraer gebildet worden ist. Águas Azuis soll nun vier weitere Fregatten bauen – ein Vorgeschmack auf die allgemeine Ausweitung der Rüstungskooperation. Auch kooperieren will TKMS mit der spanischen Staatswerft Navantia. Sie wollen die zu Beginn des Jahres begonnenen strategische Partnerschaft ausbauen „um einen gemeinsamen Kooperationsrahmen für die Produktion und Vermarktung ausgewählter U-Boot-Projekte zu schaffen“, wie aus einer Mitteilung von TKMS hervorgeht.

Bild: KollegInnen der Kieler Werft HDW (Howaldtswerke-Deutsche Werft)
Mit Rüstungsproduktion „Souveränität und Resilienz sichern“?
Die deutsche Rüstungsindustrie steht insgesamt vor einem bislang nicht gekannten Boom. 2025 ist Deutschland weltweit der viertgrößte Waffenexporteur (SIPRI 2026). Beim erreichten Stand soll es aber nicht bleiben, die führenden Rüstungskonzerne wollen ihren Umsatz vervielfachen. Planungsgrundlage ist die Entscheidung der Bundesregierung, die Verteidigungsausgaben massiv zu steigern, um das Fünf-Prozent-Ziel der NATO einzulösen. Durch diesen „Rüstungs-Keynsianismus“ erhoffen sich die Regierenden auch, dass die stotternde Wirtschaft wieder in Fahrt kommt.
Entscheidend wird sein, wie sich die Beschäftigten der Rüstungsindustrie und ihre Gewerkschaft zu dieser politischen Richtungsentscheidung positionieren. Da sind die Signale durchaus unterschiedlich. Auf der einen Seite sorgen sich IG Metall, SPD und der BDSV (Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie) in ihrem Positionspapier „Souveränität und Resilienz sichern“ (2) vor allem darum, dass das Sondervermögen der Bundesregierung nicht ausreichend deutschen Herstellern zugutekommen wird, und die deutschen Rüstungsexportkontrollen zu restriktiv seien und somit die deutsche Industrie benachteiligen könnten. Desweiteren machen sie eine Reihe von Vorschlägen zur weiteren Aufrüstung der Land-, Luft- und Seestreitkräfte. Die IG-Metall läuft in diesem Papier Gefahr, zum Anhängsel der deutschen Rüstungsindustrie zu werden. Mit den traditionellen friedenspolitischen Zielsetzungen der IG Metall sind diese Positionen jedenfalls nicht zu vereinbaren.
Auf der anderen Seite warnt Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste, dass der zivile Schiffbau vernachlässigt werden würde. Es brauche auch "langfristige Perspektiven für den zivilen Schiffbau, für Offshore-Energie und klimafreundliche maritime Technologie.“ Aktuell machen militärische Aufträge mehr als die Hälfte der Aufträge der Schiffbauer aus. Deutschland dürfe seine maritime Industrie nicht einseitig auf den Marineschiffbau ausrichten. Auf den Werften in Norddeutschland sind derzeit 17.000 Menschen beschäftigt – so viele wie seit sechs Jahren nicht mehr. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als 1.000 neue Jobs dazugekommen, so die aktuelle Schiffbauumfrage der Gewerkschaft IG Metall Küste. (3)

Auf der „4. Gewerkschaftskonferenz für den Frieden“ Ende Juli in Würzburg von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kooperation mit der IG Metall Würzburg veranstaltet, hob Jürgen Peters, ehemaliger IGM-Vorsitzender mit Blick auf die Werftenindustrie in Norddeutschland hervor, dass es dort in den 1980er Jahren ausgearbeitete Konzepte der IG Metall für eine Konversion hin zu gesellschaftlich nützlicher Produktion gegeben habe. Er erinnerte an die "Arbeitskreise alternative Produktion" in dieser Zeit, die es an vielen Orten gegeben habe. Heute gehe es um eine aktive, planende Industriepolitik, auch einer regionalen Strukturpolitik, die am gesellschaftlichen Bedarf orientiert ist, mit öffentlichen Eingriffsmöglichkeiten. Entscheidender Punkt sei die Eigentumsfrage – unter privatkapitalistischer Regie ginge das nicht, daher müsse die Frage der Vergesellschaftung gestellt werden.
„Apokalypse-Blindheit“ und „Kriegstüchtigkeit“
War es in der Vergangenheit eines der beliebtesten beruflichen Ziel, in der exportstarken Autoindustrie zu arbeiten oder an der Energiewende mitzuarbeiten, so zieht es junge Ingenieure mittlerweile bevorzugt in die Branchen, die vom Rüstungs-Keynesianismus profitieren. Denn dorthin fließen die höchsten privaten und öffentlichen Investitionen, und „dort geht was“. Dabei gibt es für Beschäftigte heute nicht nur ökonomische Anreize, sondern auch den „Mainstream-Sound“ einer scheinbar sinnstiftenden Arbeit. „Wollte man während der Energiewende noch das Klima retten, bewahrt man jetzt mit dem Bau von Waffensystemen den Weltfrieden oder wenigstens, nationalistisch abgespeckt, das Häuschen von Lieschen Müller und Max Mustermann‚vor den russischen Horden.“ (4)
Vor 45 Jahren, auf dem Höhepunkt der „Nachrüstungsdebatte“ hat der Philosoph Günter Anders in einem ähnlichen Zusammenhang von einer „Apokalypse-Blindheit“ gesprochen. Sie verstelle den Blick für Gefahren, die mit der Aufrüstung unweigerlich verbunden seien. Die Rüstungsindustrie ist keine gewöhnliche Branche. Es handelt sich um eine Industrie, die außer den Waffen selbst auch immer Waffenbedarf und die Chancen für deren Gebrauch erzeugt. Zugespitzt formuliert: Aufrüstung mündet mit hoher Wahrscheinlichkeit in erhöhte Kriegsgefahr. Und die effektivste „Konsumsituation“ dieser Waffen ist der Krieg.
Günther Anders stellte skeptisch fest: „Solange wir für unser Mitarbeiten anständig entlohnt werden und solange wir gewiß zu sein glauben, unter gut gesicherten Bedingungen weiterarbeiten zu können, so lange verschließen wir die Augen vor dem, was wir und wofür wir arbeiten; und so lange sind wir auch dazu bereit, von der Vorbereitung des Untergangs zu leben.“ Als Gegenmittel für „Apokalypse-Blindheit“ hatte Günter Anders seinerzeit die Fähigkeit zum Produktstreik vorgeschlagen. Gemeint war, sich der Herstellung von Produkten zu verweigern, deren Zweck die Massenvernichtung ist. (5)
Gegenwärtig scheint diese Forderung utopischer denn je. Lange schien es zumindest so, dass in der Frage Aufrüstung und Kriegseinsätze der Bundeswehr nicht immer Deckungsgleichheit zwischen den Herrschenden und einem Großteil der Bevölkerung bestand. Doch das Bild hat sich leider gewandelt. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest Dimap für den ARD-Deutschlandtrend vom Juni 2025 halten 50 Prozent der Bevölkerung das „Fünfprozentziel“ für „angemessen“. Die Hälfte der Bevölkerung ist also dafür, dass aus dem Haushalt der Bundesregierung künftig jeder zweite Euro für „Kriegstüchtigkeit“ ausgegeben wird. Nur noch 35 Prozent sagen, diese Hochrüstung „geht zu weit“.
Günther Stamer
Fußnoten fehlen noch