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Bundesweite Mobilisierung gegen Sozialabbau auch in Kiel:
Demo gegen Kürzungswahn

Unter dem Motto „Hart verdient! Deine Arbeit. Deine Gesundheit. Deine Rente.“ gingen am 26. September 2026 bundesweit in 15 Großstädten rund 175.000 Menschen auf die Straße, um sich gegen die sozialen Kürzungen der Bundesregierung zu wehren. In Kiel waren rund 5.000 Demonstrant/inn/en dem Aufruf des Bündnisses „Kiel steht zusammen“ gefolgt, um gegen die sogenannten „Reformen“ der Bundesregierung, die geplanten grausamen Einschnitte bei Renten, Gesundheit, Pflege, Arbeitszeit und Arbeitsrechten zu protestieren.
Neben dem DGB waren auch verschiedene Einzelgewerkschaften am Start, ebenso wie politische und soziale Organisationen und als einzige im Bundestag vertretene Partei Die Linke mit einem großen Block sowie dem kompletten Landesvorstand, Kreisvorstand und der Kieler Ratsfraktion. Mit einer Rede meldete sich auch die Kieler Bundestagsabgeordnete Tamara Mazzi zu Wort. Fast symbolträchtig diese Demonstration: Zeigte sie doch, dass es in Bundestag, Landtag und den Kommunen außer der Linkspartei anscheinend keine einzige Partei mehr gibt, die den Gewerkschaften und der arbeitenden Bevölkerung zur Seite steht.
Entsprechend aufgeheizt war die Stimmung. „Was macht der Regierung Dampf? Klassenkampf, Klassenkampf“ erscholl es über den Wilhelmplatz und „Jugend, Zukunft, Sozialismus“. Den Plakaten und Slogans zufolge - „Hoch mit den Löhnen – runter mit der Rüstung“, „Streik in der Schule, Streik im Betrieb – das ist unsere Antwort auf eure Politik“ - waren auch die Schulstreik-Bewegung und die Friedensbewegung mit dabei, und damit stellte die Kieler Demo im Gegensatz zu den anderen DGB-Demos den Zusammenhang zwischen Militarisierung und sozialem Kürzungswahn her. (bm)

Bilder: ver.di Kiel-Plön
Rede von Tamara Mazzi zu den Sozialprotesten am 26.9.2026
Liebe Freundinnen und Freunde,
wir alle werden einmal krank. Viele von uns werden im Leben Pflege brauchen. Einige von uns ziehen Kinder groß. Wir alle wollen nach einem langen Arbeitsleben in Rente gehen.
Generationen vor uns haben den Sozialstaat erkämpft. Er wird bereits seit Jahrzehnten immer wieder abgebaut und angegriffen.
Aber noch nie so drastisch wie jetzt. Noch nie hat eine Regierung solche Angriffe wie jetzt gewagt.
Wenn man sich anschaut, was diese Bundesregierung gerade plant, dann könnte man den Eindruck bekommen, wir seien plötzlich ein armes Land.
Bei der Gesundheit sollen wir mehr zuzahlen und gleichzeitig wird bei der Versorgung gekürzt. Wenn wir krank werden, sollen wir mehr für Medikamente, Therapie oder einen Krankenhausaufenthalt bezahlen. Einen Therapieplatz zu bekommen wird noch schwieriger, obwohl die Wartezeiten schon jetzt viel zu lang sind.
In der Pflege steigen die Kosten immer weiter und Familien sollen noch mehr auffangen.
Bei der Rente heißt es: länger arbeiten, später in Rente gehen, mehr privat vorsorgen.
Der Achtstundentag wird angegriffen. Befristungen sollen ausgeweitet werden. Und wer krank ist, wird unter Generalverdacht gestellt.
Wir sagen: es reicht!
Begründet werden die Kürzungen immer mit demselben Satz:
„Dafür ist leider kein Geld da.“
Ich sitze für Die Linke im Haushaltsausschuss des Bundestages. Und ich kann euch sagen:
Dieser Satz ist eine Lüge.
Denn wenn es um Aufrüstung geht, ist das Geld plötzlich da. 140 Milliarden Euro sollen nächstes Jahr ins Militär fließen. Bis 2030 wird jeder dritte Euro für Aufrüstung ausgegeben.
Für Panzer, Raketen und Drohnen werden immer neue Milliarden mobilisiert. Whatever it takes‘ sagt Pistorius.
Aber wenn es um unsere Krankenhäuser geht, müssen wir sparen.
Wenn es um Pflege geht, sollen die Menschen in die eigene Tasche greifen.
Und wenn es um eine Rente geht, von der man nach einem langen Arbeitsleben gut leben kann, dann heißt es plötzlich: nicht finanzierbar.
Bärbel Bas saß letzten Monat im Sommerinterview uns sagte traurig: „Die Haushaltslage ist leider angespannt“. Wer hat denn dafür gesorgt, dass sie angespannt ist? Wer hat die Schuldenbremse erlassen? Wer weigert sich eine Vermögenssteuer einzuführen?
Wir wissen: Das Geld ist da.
Die Frage ist nur: Für wen?
Und gleichzeitig erzählt Merz, wir müssten alle mehr arbeiten.
Ich frage mich:
Wer arbeitet denn angeblich zu wenig?
Der Erzieher, der jeden Tag versucht, den Personalmangel in seiner Kita aufzufangen?
Die Busfahrerin, deren Pause zu kurz ist, um auf Toilette zu gehen?
Die Pflegekraft, die von einem Zimmer zum nächsten rennt?
Die Alleinerziehende, die nach Feierabend ihre zweite Schicht zu Hause antritt?
Oder die Menschen, die nach vierzig oder fünfundvierzig Jahren Arbeit einfach irgendwann sagen: Ich kann nicht mehr?
Es sind immer dieselben Menschen, die verzichten sollen.
Wir sollen länger arbeiten.
Wir sollen höhere Beiträge bezahlen.
Wir sollen auf soziale Sicherheit verzichten, die wir erkämpft haben.
Während gleichzeitig Milliarden in die Militarisierung dieses Landes fließen.
Und dann erzählt man uns, das alles sei alternativlos.
Nein!
Das ist kein Sparzwang.
Das ist eine politische Entscheidung.
Und wenn diejenigen, die ohnehin wenig haben, immer mehr tragen sollen, während Konzerne, Milliardäre und Superreiche entlastet werden, dann hat das einen Namen:
Das ist Klassenkampf von oben!
Und zu diesem Klassenkampf gehört auch, dass man versucht, uns gegeneinander auszuspielen.
Beschäftigte gegen Erwerbslose.
Junge gegen Alte.
Menschen, die hier geboren wurden, gegen Menschen, die hierhergekommen sind.
Und vor allem sollen wir eines glauben:
Dass wir uns dagegen sowieso nicht wehren können.
Aber wir wissen, dass wir das können.
Denn schaut euch an, was Menschen vor uns erreicht haben:
Der Achtstundentag wurde uns nicht geschenkt.
Das Wochenende wurde uns nicht geschenkt.
Der bezahlte Urlaub wurde uns nicht geschenkt.
Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wurde uns nicht geschenkt.
All das wurde erkämpft.
Von Menschen, die sich organisiert haben.
Von Beschäftigten, die sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen zusammengeschlossen haben.
Von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern, die gestreikt haben.
Von Menschen, die auf die Straße gegangen sind und gesagt haben:
Bis hierhin und nicht weiter!
Und wenn sie heute glauben, sie könnten uns diese Errungenschaften Stück für Stück wieder nehmen, dann haben sie vergessen, wer sie erkämpft hat.
Nämlich Menschen wie wir.
Und deshalb bin ich heute auch nicht hier, um euch zu sagen, wie schlimm alles ist.
Ich bin hier, weil ich weiß:
Wir können diesen Sozialabbau stoppen.
Wir müssen über Umverteilung sprechen. Und auch über Enteignungen.
Wir müssen endlich die Machtfrage stellen.
In Berlin wurde sie letzten Sonntag gestellt. Die Linke wurde stärkste Kraft und hat nun endlich die Möglichkeit, zu enteignen. Was ist passiert?
Zuerst stürzte am Montagmorgen die Vonovia-Aktie ein. Und dann sind die gesamte Bürgerliche Presse und alle anderen Parteien komplett ausgerastet. Es wurde so heftig mit Dreck auf uns geworfen wie noch nie. Aber hier geht es nicht um eine Partei. Es geht darum, das sich endlich jemand mit den großen Konzernen anlegt.
Ihre Reaktion zeigt vor allem eines: Wir haben ihnen Angst gemacht. Wir haben Vonovia und Deutsche Wohnen Angst gemacht. Wir haben Springer Angst gemacht.
Und wir fangen gerade erst an!
Aber dafür müssen wir kämpfen.
Viele von euch kämpfen seit Jahren. Im Betrieb. Im Personalrat. In der Gewerkschaft. In Initiativen. Heute kommen wir zusammen. Wir werden mehr. Und wir bleiben dran!
Am 7. Oktober starten die Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie.
Noch in diesem Jahr gibt es Verhandlungen bei der Post, Volkswagen und im
Gebäude-reinigungs-handwerk.
Im nächsten Jahr folgt dann die nächste Runde im öffentlichen Dienst. Es wird weitere Demonstrationen und weitere Streiks geben. Deshalb mein Appell an euch:
Seid laut. Seid kämpferisch.
Und kommt nicht alleine.
Bringt eure Kolleginnen und Kollegen mit.
Bringt eure Freundinnen und Freunde mit.
Sprecht in euren Betrieben darüber.
Organisiert euch in euren Gewerkschaften.
Organisiert euch in eurer Nachbarschaft.
Denn gegen ihren Klassenkampf von oben brauchen wir unsere Solidarität von unten.
Wir müssen ihnen zeigen:
Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen.
Wir lassen uns unsere sozialen Rechte nicht einfach wegnehmen.
Denn wir sind nicht machtlos.
Wir halten dieses Land am Laufen. Wir pflegen, wir erziehen, wir fahren die Busse, wir reinigen die Gebäude, wir arbeiten in den Fabriken.
Wir sind viele.
Und alles, was Menschen vor uns erkämpft haben, zeigt uns:
Wenn wir uns organisieren, können wir etwas verändern.
Wenn wir zusammenstehen, können wir Druck machen.
Holen wir uns, was uns zusteht!