Daten/Fakten  

   

Bundesweite Mobilisierung gegen Sozialabbau auch in Kiel:

Demo gegen Kürzungswahn

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Unter dem Motto „Hart verdient! Deine Arbeit. Deine Gesundheit. Deine Rente.“ gingen am 26. September 2026 bundesweit in 15 Großstädten rund 175.000 Menschen auf die Straße, um sich gegen die sozialen Kürzungen der Bundesregierung zu wehren. In Kiel waren rund 5.000 Demonstrant/inn/en dem Aufruf des Bündnisses „Kiel steht zusammen“ gefolgt, um gegen die sogenannten „Reformen“ der Bundesregierung, die geplanten grausamen Einschnitte bei Renten, Gesundheit, Pflege, Arbeitszeit und Arbeitsrechten zu protestieren.

Neben dem DGB waren auch verschiedene Einzelgewerkschaften am Start, ebenso wie politische und soziale Organisationen und als einzige im Bundestag vertretene Partei Die Linke mit einem großen Block sowie dem kompletten Landesvorstand, Kreisvorstand und der Kieler Ratsfraktion. Mit einer Rede meldete sich auch die Kieler Bundestagsabgeordnete Tamara Mazzi zu Wort. Fast symbolträchtig diese Demonstration: Zeigte sie doch, dass es in Bundestag, Landtag und den Kommunen außer der Linkspartei anscheinend keine einzige Partei mehr gibt, die den Gewerkschaften und der arbeitenden Bevölkerung zur Seite steht.

Entsprechend aufgeheizt war die Stimmung. „Was macht der Regierung Dampf? Klassenkampf, Klassenkampf“ erscholl es über den Wilhelmplatz und „Jugend, Zukunft, Sozialismus“. Den Plakaten und Slogans zufolge - „Hoch mit den Löhnen – runter mit der Rüstung“, „Streik in der Schule, Streik im Betrieb – das ist unsere Antwort auf eure Politik“ - waren auch die Schulstreik-Bewegung und die Friedensbewegung mit dabei, und damit stellte die Kieler Demo im Gegensatz zu den anderen DGB-Demos den Zusammenhang zwischen Militarisierung und sozialem Kürzungswahn her. (bm)

 

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Bilder oben: ver.di Kiel-Plön

 

 

Rede von Tamara Mazzi zu den Sozialprotesten am 26.9.2026

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Kiel-Gaarden:

Nach 40 Jahren wieder ein Kultur-Café

Eine außergewöhnliche Gesprächsrunde „Medusa – von der Hinterhofschmiede zum Kulturort“ fand am Abend des 25. September 2026 im Medusahof in der Medusastraße 16 in Kiel Gaarden statt. Anwesend waren junge kulturell Interessierte, aber auch viele „Urgesteine“, die an diesem Ort im Laufe ihres Lebens Zeit verbracht hatten.

Bevor Mia Fyu vom „Netzwerk für revolutionäre Ungeduld“ das neue Projekt vorstellte, gab sie zunächst einen Rückblick in die Geschichte des 1912 als Industrieschmiede errichteten Gebäudekomplexes, in deren „Pferdestall“ das Treffen stattfand. Aus der Zeit der Schmiede sind noch Werkzeuge und Maschinenteile erhalten. Das im 2. Weltkrieg anscheinend unversehrte Gebäude diente in der Nachkriegszeit als Tischlerei, dann wechselten die Werkstätten und zeitweilig stand es leer, bis 1985 zwei junge Leute aus Probsteierhagen, Martha Deegen und Harald Mücke, auf die Idee kamen, hier ein Kulturcafé zu eröffnen.

Es entstand das Malik-Café mit wöchentlichem Kulturprogramm, Lesungen und Konzerten, im Medusahof, inmitten einer Hofgemeinschaft mit Läden für Schallplatten, Second-Hand-Kleidung, Spielzeug, Biolebensmittel und einem Studio für orientalischen Tanz. Manche der Anwesenden erinnerten sich an die Anfänge, die Überzeugungsarbeit beim Ortsbeirat, die praktische Hand beim Ausbau, die illustre Gestaltung der Plakate, die Konzerte und Lesungen mit AutorInnen wie Rafik Shami und Elfriede Brüning.

Obwohl ein beliebter Treffpunkt mit gut besuchten Veranstaltungen, scheiterte das Projekt nach etwa zwei Jahren, da es sich mit rein ehrenamtlicher Arbeit nicht mehr aufrecht erhalten ließ. In den 90er bis 2010er Jahren gab es mehrere Anläufe, wieder ein Café zu etablieren, auch verschiedene Nutzungen, u. a. als Buchladen, Tanzstudio und für Kunstausstellungen, bis es zuletzt während der Corona Krise als Unterkunft für Obdachlose diente.

Im zweiten Quartal 2026 hat nun das „Netzwerk für revolutionäre Ungeduld“ die derzeit brachliegenden Räume, die im Laufe der Zeit noch erweitert wurden, und zu denen ein c.a. 500 m² großer Garten erschlossen wurde, angemietet, um hier einen erneuten Kulturort mit „niedrigschwelligem Zugang zu Kunst und Kultur“ zu ermöglichen. In Kooperation mit anderen Organisationen wie ZBBS, ZEIK und dem „Büro soziale Stadt“ in Gaarden soll hier ein Projekt mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten entstehen, wie z. B. Konzerte, Theater, Lesungen, Diskursveranstaltungen und Nachbarschaftstreffen mit gastronomischer Begleitung. Hier sieht Martha Deegen den roten Faden des einstigen Projekts aus den 80ern, und diesmal stehen die Chancen besser, denn neben viel ehrenamtlicher Hilfe gibt es auch eine bezahlte Stelle für die Projektleitung sowie eine Stelle auf Minijob-Basis und die finanzielle Förderung der Stadt Kiel.
Wer beim Projekt mitwirken oder eine Kulturveranstaltung anbieten möchte, kann sich melden unter: info@ungeduld.net
(bm)

Schulstreik gegen die Wehrpflicht zum 4. Mal in Kiel

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Knapp 1.000 Schüler/innen versammelten sich am 25.9.2026 zum vierten Schulstreik in Kiel gegen Aufrüstung, Militarisierung und Wehrpflicht auf dem Exerzierplatz. Stark vertreten war wieder die Kieler Waldorfschule, die Gymnasien wie die Hebbelschule, die Humboldtschule und die Käthe Kollwitz Schule, aber auch die RBZ Wirtschaft, Technik, Pädagogik und Soziales sowie Studenten der CAU und die junge GEW. Auch diesmal waren wieder viele aus dem Umland angereist, z. B. aus Rendsburg, Neumünster und Plön.

Mit Slogans wie „Bundeswehr raus aus unseren Schulen!“ und „Für Bildung statt Bundeswehr“ wehrten sich die Schüler/innen besonders gegen das immer häufigere Auftreten von Jungoffizieren an den Kieler Schulen. Natürlich fehlte auch der Spruch „Merz leck Eier“ nicht. Ein Schüler, der auf einer früheren Schulstreik-Demo von der Polizei festgenommen und der Beleidigung angeklagt worden war, hatte den Stein ins Rollen gebracht. „Was soll Merz?“ - „Eier lecken!“ erscholl es aus tausenden jugendlichen Kehlen und ebenso laut wie trotzig: „Wehrpflicht? - Nein, nein, nein!“
Die Schulstreik-Demo verlief auf der gewohnten Route durch die Kieler Innenstadt und endete mit den Abschlusskundgebungen vor der CDU-Zentrale in Bahnhofsnähe. (bm)

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Redebeitrag aus der Waldorfschule:

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MFG5-Gelände:

Zwischen Bundeswehr, städtischem Freiraum und antimilitaristischem Widerstand

Vortrag der Initiative "Vossbrook für alle – MFG5 bleibt zivil" auf der Kieler Friedenskonferenz am 20.9.2026

Inhalt:
● Geschichte
● Militär damals/heute
● Vision Holtenau-Ost

Siehe PDF: Präsentation Vossbrook

Aktuelle Infos vom Baumhaus "MFG5 bleibt zivil" : Krieg.nirgendwo.info

Instagram: mfg5.bleibt.zivil

Friedenskonferenz in Kiel:

Nostalgie und frischer Wind

Zum ersten Mal seit über 40 Jahren fand in den Räumen der Kieler Pumpe wieder eine Friedenskonferenz am 20. September 2026 statt. Manche/r mag sich noch an die regelmäßigen Treffen der Kieler Friedensinitiative in der Pumpe in den 80ern erinnern, die Veranstaltungen und die große Demonstration in Bonn, die sich gegen den NATO-Doppelbeschluss richtete, atomare Mittelstreckenraketen (Pershing II) in Westeuropa zu stationieren.

Die „Urgesteine“ der Friedensbewegung waren auf der Konferenz, die von der Rosa Luxemburg Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Bündnis „Nein zur Wehrpflicht“ sowie der Initiative „Eltern gegen Wehrpflicht Kiel“ veranstaltet wurde, im Vergleich zu den vielen jungen Akteur/inn/en eher in der Minderzahl.

In seinem Eingangsreferat, gewährte Ingar Solty von der Rosa Luxemburg Stiftung einen Rückblick in die seit den 90ern durch die Ostorientierung zunehmend aggressive Ausrichtung der NATO, die nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine in horrenden Summen für Aufrüstung, Waffenkäufen, Umstellung auf Kriegsproduktion und Kriegsvorbereitung durch die Militarisierung des Zivillebens gipfelt.

Die Kehrseite der Medaille sei der gleichzeitige Abbau des Sozialstaats. Dieser Gedanke wurde in den späteren Workshops und auch auf der abschließenden Podiumsdiskussion erneut aufgegriffen, folglich wurde neben dem Schulstreik gegen die Wehrpflicht am 25.9.2026 um 10.30 Uhr auf dem Exerzierplatz auch zur Teilnahme an der Demonstration des Bündnisses „Kiel steht zusammen“ gegen die sozialen Kürzungen am 26.9.2026 um 10.30 Uhr auf dem Wilhelmplatz aufgerufen.

Den Nachmittag verbrachten die Teilnehmer/innen in zahlreichen Workshops, in denen es u. a. um die Perspektive der Jugend, um Militarisierung im Betrieb, Protestformen, Sozialabbau, Medien in Zeiten der Aufrüstung ging, aber auch kreative Kollagen gegen Rüstung und Wehrpflicht entstanden sowie über Proteste gegen den geplanten Rückkauf des MFG 5 Geländes durch die Bundeswehr diskutiert wurde.

Für das leibliche Wohl hatten die Veranstalter/innen der gut besuchten und erfolgversprechenden Konferenz mit leckeren Salaten und Getränken gesorgt, und an den Info-Tischen konnten sich die Teilnehmer/innen mit Hintergrundmaterial eindecken.

Abschließend berichteten Vertreter/innen der beteiligten Gewerkschaften, Initiativen und Bündnisse von bisherigen und geplanten Protesten. Einig waren sich alle, dass es Vernetzung und Fortsetzung der Proteste braucht, weswegen auch gleich der Termin für ein weiteres Treffen bekannt gegeben wurde: am 6.10.2026 um 18 Uhr in der Kieler Pumpe. (bm)

Plakate erstellt auf dem Kultur-Workshop:

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Kiel-Mettenhof:

Landesparteitag der Linken – Kritik am „Angriff auf den Sozialstaat“

Am 12. und 13. September 2026 beschloss die Linkspartei Schleswig-Holstein auf ihrem Landesparteitag in Kiel-Mettenhof ein umfangreiches Wahlprogramm und wählte die Kandidaten für die Landesliste sowie die Direktkandidaten.

Auf den Listenplatz 1 wurde die 28jährige Johanna Klitzschmüller aus dem Kreisverband Kiel mit 75,9 Prozent der Stimmen gewählt, auf den Listenpatz 2 der 25jährige Finn Luca Frey aus dem Kreisverband Bad Segeberg mit 95 Prozent der Stimmen. In ihrer Bewerbungsrede kritisierte die Spitzenkandidatin die Sozial- und Wirtschaftspolitik der Bundes- und Landesregierung und setzte sich für konkrete Verbesserungen ein. Sie erwähnte auch, dass gegen sie seit vier Jahren ein Strafverfahren wegen einer Blockade gegen den Bau der festen Fehmarnbeltquerung laufe, was für die Partei eine Belastung sein könne. Finn Luca Frey, der seit 10 Jahren Parteimitglied ist und bei der letzten Europawahl antrat, kritisierte ebenfalls den „Angriff auf den Sozialstaat“ der neoliberalen Politik in Bund und Land, deren Unfähigkeit, die Probleme der Bevölkerung zu lösen.

Nach den derzeitigen Umfragen könnte es der Linkspartei bei der Landtagswahl am 18. April 2027 mit 7 Prozent gelingen, in den Landtag einzuziehen, wo sie sich in der Opposition positionieren wird. Die Partei befindet sich mit stetig steigender Mitgliederzahl im Aufwind.

Im Wahlprogramm legte die Linke den Schwerpunkt auf Soziales, Wohnen, Bildung, Gesundheit, aber auch Wirtschaft, Energie und Umwelt.
Wohnen soll demnach wieder bezahlbar gemacht werden durch die Einrichtung einer Landeswohnungsbaugesellschaft, die jährlich mindestens 5.000 Wohnungen durch das Land baut oder erwirbt und auch den kommunalen Wohnungsbaugesellschaften Mittel zur Verfügung stellt. Große Wohnungskonzerne sollen enteignet, Zwangsräumungen in Notlagen verboten werden und Obdachlosigkeit nach dem Prinzip „Housing First“ beendet werden. Ein kostengünstiger bis langfristig kostenfreier ÖPNV soll die Mobilität vom Wohnort zu anderen Orten garantieren.

In der Bildungspolitik fordert die Linke die kostenlose Bildung von der KiTa bis zur „Schule für alle“, demokratische Bildung und Aufkündigung des Kooperationsvertrages mit der Bundeswehr.

Schwerpunkte linker Gesundheitspolitik sind die Rekommunalisierung der Krankenhäuser, eine flächendeckende Grund- und Notfallversorgung sowie ein Stopp des Kliniksterbens. Wirtschaftliche Aspekte des Programms sind die Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien und Netzbetreibern, Schluss mit der Rüstungsindustrie durch Konversion, gemeinwohlorientiertes Wirtschaften ohne Markt und Profit, die Wiedereinführung eines Tariftreuegesetzes, die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen sowie der Schutz betrieblicher Mitbestimmung. Das Energieprogramm fordert den Ausbau erneuerbarer Energien und bei der Umwelt setzt die Linke auf nachhaltige Landwirtschaft, Gewässerschutz und Biodiversität, Aufforstung und Renaturierung der Moore.

Ein Grußwort auf dem Parteitag kam von der VVN/BdA mit dem Appell, sich in Bündnissen zusammenzuschließen gegen die gegenwärtige Politik und gemeinsam für soziale Gerechtigkeit einzutreten, denn „hunderte Milliarden für Rüstung, aber nicht für Soziales“, das begünstige die AFD. Die Behörden versuchen derzeit in einigen Bundesländern, der VVN/BdA die Gemeinnützigkeit zu entziehen, u.a. deshalb, weil sie sich für ein Verbot der AFD ausspricht.

Ein zweites Grußwort kam von dem Bündnis „Kiel steht zusammen“, ein Zusammenschluss aus Gewerkschaften und Initiativen, das sich gegen die sozialen Kürzungen der Bundesregierung ausspricht. Eine junge Psychotherapeutin schilderte die desolate Situation in der Psychiatrie, wo Patienten mindestens eineinhalb Jahre auf einen Therapieplatz warten müssen, was sich durch die Kürzungen noch verschlimmern wird. Andere Vertreter des Bündnisses erinnerten an vergangene Arbeitskämpfe wie an den langen Streik 1956 und riefen zur gemeinsamen Demo gegen die sozialen Kürzungen am 26.9.2026 in Kiel auf. „Seid ihr dabei?“ Tosender Beifall. Die Linkspartei mobilisiert ebenfalls für die Demo und ist zuversichtlich, zahlreich vertreten zu sein. (bm)

Kiel-Mettenhof:

6 Tage keine Trinkwasserversorgung

Am Donnerstag, dem 3. September 2026, kam in 183 Wohnungen in der Helsinkistraße in Kiel-Mettenhof kein Trinkwasser aus dem Hahn. Für die mehr als 200 Bewohner der Liegenschaft ein Disaster, zumal sie vorher nicht alle informiert worden waren. Viele kamen am späten Nachmittag von der Arbeit und hatten kein Wasser.

Im Treppenhaus hing lediglich eine Nachricht der Sanitärfirma mit der Botschaft, dass die Trinkwasserversorgung wegen eines Rohrbruchs „bis auf weiteres“ unterbrochen sei. Ein Anruf bei der Hausverwaltung half auch nicht weiter: „Wenn ich in Ihrer Situation wäre, würde ich jetzt ganz viele Packungen Mineralwasser von Aldi kaufen.“ Was war wohl der nächste Vorschlag? In Milch baden? „Das ist ein Notfall! Sie können uns nicht ohne Wasser lassen. Sie müssen mindestens einen Tankwagen mit Wasser für uns bereitstellen.“
„Das kostet ja extra Geld. Aber ich kann ja ein paar Dixie-Klos ordern. Und wenn noch mehr von Ihnen kein Wasser haben, dann rufen Sie doch wieder an.“ Im Treppenhaus rumort es. Es sind eine ganze Menge, die kein Wasser haben und ziemlich aufgeregt sind. Ein erneuter Anruf kommt nicht mehr durch. Ständig besetzt. Schließlich schaltet die Hausverwaltung das Telefon ab.

Im Treppenhaus hängt mittlerweile eine zweite Nachricht: Um 17 Uhr gebe es eine Notwasserversorgung aus einem Hydranten. Der erste Hydrant funktioniert nicht. Gut zu wissen für den Brandfall. Eine lange Warteschlange führt schließlich zum zweiten Hydranten. Alle sind bepackt mit Eimern, leeren Plastikflaschen, Gießkannen, Plastikkisten, alles, was sich mit Wasser füllen lässt. Die Warteschlange erinnert an Berichte über Katastrophen, über Wasserknappheit im globalen Süden. „Das ist aber kein Trinkwasser?“ „Sie müssen es vorher abkochen.“ Die Notversorgung werde ab jetzt zweimal am Tag angeboten. Bis der Rohrbruch repariert ist und die Trinkwasserversorgung wieder aufgenommen werden kann, dauere es noch zwei Tage. Schlecht, wenn eine Firma gerufen wird, die keinen Notdienst hat und die Ersatzteile erst bestellen muss.

Aber immerhin ist jetzt Wasser da, damit lässt sich Tee kochen, denn dabei wird es ja abgekocht, und am nächsten Tag das Gemüse fürs Mittagessen. Bis der Blick auf den weißen Boden der neu gekauften Eimer fällt. Da setzt sich schwarzer Dreck ab, und die Farbe des Wassers wird immer gelblicher, je länger es steht. Also doch zu Aldi und dann woanders duschen und Trinkwasser auffüllen (wer es sich leisten kann).

Am Sonntag, dem 4. Tag ohne Trinkwasserversorgung, ist die Stimmung in der Warteschlange ziemlich gereizt. „Das ist unmöglich! Diese korrupte Hausverwaltung! Das müsste man der KN erzählen!“ Tatsächlich berichtet die KN drei Tage später über den „Ausnahmezustand“ in Mettenhof.
Die junge Frau aus dem Nachbarhaus erzählt, dass sie sich am Anfang gar nicht mit Wasser versorgen konnte, weil sie morgens um 5 Uhr aus dem Haus gehe und erst nach 18 Uhr von der Arbeit komme. Sie und ihr Mann müssten in zwei Jobs arbeiten, um sich die teure Kaltmiete von 1200 Euro für ihre Dreizimmerwohnung leisten zu können. Sie müssten soviel bezahlen, weil sie in Kiel keine andere Wohnung bekommen konnten. Man rückt näher zusammen, tauscht sich aus. Leute aus den Nachbarhäusern bieten Hilfe an, halten die Türen auf, tragen der lungenkranken Nachbarin die schweren Eimer ins Haus.

Montag, Tag 5. Ein Dringlichkeitsantrag wird an die Hausverwaltung gestellt wegen der Seuchengefahr durch stehendes Wasser. Die beruhigt: Die Ersatzteile seien ja jetzt da, der Rohrbruch werde repariert und morgen solle es Wasser geben.

Dienstag, Tag 6. Wo kann man die Wäsche waschen? Wen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis kann man damit nerven? Der Handwerker am Hydranten beruhigt: Heute werde die Wasserversorgung wieder angeschlossen. Und dann kommt es tatsächlich am späten Nachmittag aus dem Hahn: Erst noch schmutzig, bräunlich, dann aber zunehmend klar und sauber. Wasser - nie haben wir es mehr zu schätzen gewusst. (bm)

Kiel:

Protest gegen Bundeswehr-Roadshow

Zwei Wochen lang protestierte das Kieler Friedensforum mit Plakaten und einem Info-Tisch gegen KA.R.L, „Karriereberatung, Roadshow und Lounge“, ein mobiles Pop-up-Projekt zur Rekrutengewinnung.

Ausgerechnet am Antikriegstag, dem 1. September 2026, bauten Soldaten in Flecktarn an der Kiellinie ihre Rekrutierungsshow auf: einen riesigen Raketenwerfer mit aufgerichteter Abschussschiene, Glascontainer mit gemütlichen Clubsesseln, Plakate, die den Umgang mit Artilleriemunition als Abenteuer darstellten oder für eine Karriere in der Heereslogistik warben.

Genau gegenüber hingen die Plakate der DFG-VK mit Slogans wie „Kein Werben fürs Sterben“ und „Frieden schaffen ohne Waffen“, in der Mitte der Info-Tisch.
Das Wetter war mäßig bis schlecht, weswegen außer den Fähre-Passagieren die Zahl der Passanten recht begrenzt war. Erfreulich, dass von denen wiederum viele den Weg zum Info-Stand fanden mit aufmunternden Sätzen wie „Toll, dass ihr das macht“ und „Gut, dass es euch gibt“. So waren auch die Flugblätter gegen den „Circus Pistori“ zum Ende der zweiwöchigen Protestaktion so gut wie alle verteilt.

Nur wenige begaben sich hingegen in die Glascontainer Lounge der Bundeswehr. Das aufgestellte Turngerät für Klimmzüge wurde nicht einmal frequentiert, so dass die Soldaten sich schließlich mehr oder minder erfolgreich selbst daran versuchten. Einige Familien mit kleinen Kindern bewegten sich geradewegs zum Raketenwerfer, wo sie ihre Drei- bis Fünfjährigen an das Steuer des Monstertrucks setzten.

Ansonsten schienen die Soldaten sich sehr zu langweilen, verteilten kleine Geschenke (Blumensamen im Flecktarntütchen) oder kamen zum Info-Stand, um über Krieg und Frieden und Politik zu diskutieren.

Am letzten Freitag gab es etwas Abwechslung: Ein Feuerwehrwagen rückte an, um die Glaswände der Lounge zu reinigen. Die waren in der Nacht mit Äpfeln und Apfelmus beworfen worden. Kosten des Einsatzes: ca. 200 Euro. Minimaler Abzug vom Sondervermögen.

Alles in allem verlief die Protestaktion vom Friedensforum friedlich. Manch gutes Gespräch wurde geführt. Manch einer der Soldaten wird sich vielleicht überlegen, ob er nachträglich verweigert, manch ein junger Passant kommt vielleicht zur Beratung für Kriegsdienstverweigerer. (bm)

Termine und Aktionen in Kiel

- Di., 15.9.2026, 18.00 Uhr, Kiel, Exerzierplatz 19, Friedenswerkstatt
Treffen des Kieler Friedensforum

- Kieler Friedenskonferenz am So., 20.9. von 11.30-18.00 Uhr in der Pumpe
(Eltern gegen Wehrpflicht, Schülerbündnis NEIN zur Wehrpflicht, Kieler Friedensforum und andere)

- Fr., 25. Sept. 2026 - SCHULSTREIK GEGEN DIE WEHRPFLICHT 
10.30 Uhr, Exerzierplatz, Kiel
www.schulstreikgegenwehrpflicht.com

- Fr., 25. Sept. 18 Uhr, Hansa48, Kiel
Treffen des Bündnisses "Zukunft am Wasser" (Gegen den Verkauf des MFG5-Geländes an die Bundeswehr) 

- Sa., 26.9.2026 Bundesweite DGB-Demonstrationen am gegen Sozialkürzungen und für 8-Std.-Tag
Kiel: 10.30 Uhr Treffen Wilhelmplatz, 11.00 Uhr Start Demonstration, 11.55 Kundgebung auf dem Rathausplatz

- Sa., 3.10. Antikriegsdemo in Berlin ! -- Abfahrt Kiel-Hbf.: 7.16 Uhr ICE 507

Nein zu Hochrüstung, Wehrpflicht und Krieg!
Für Frieden, demokratische Rechte und soziale Sicherheit!

https://nie-wieder-krieg.org/demo-03-10-26/

Banner-Bild Friedensdemo 03.10.2026

- Di., 13. Okt. 18 Uhr, Hansa48, Kiel
Treffen des Bündnisses "Zukunft am Wasser" (Gegen den Verkauf des MFG5-Geländes an die Bundeswehr) 

Neues von der Infrastrukturfront

Re-Aktivierung erster Bundeswehr Liegenschaften konkretisiert und neue Gesetze beschlossen

Jürgen Wagner (4. August 2026), IMI-Analyse 2026/19
https://www.imi-online.de/2026/08/04/neues-von-der-infrastrukturfront/


Die Bundeswehr soll wachsen – von aktuell rund 185.000 aktiven Soldat*innen auf 260.000 im Jahr 2035 (plus 200.000 Reservist*innen). Weil die Truppe nicht zuletzt dafür eine Menge Platz benötigt, wurde bereits im Oktober 2025 ein Moratorium für die Rückgabe von 187 bereits „ausgemusterter“ (plus 13 dafür vorgesehener) ehemaliger Liegenschaften der Bundeswehr verkündet. Dies war und ist besonders dort problematisch, wo auf diesen Flächen die Planungen (und Investitionen) für den Bau ziviler Wohnviertel bereits weit fortgeschritten waren.[1] Im Anschluss daran wurde ein Prüfprozess initiiert, der nun dazu geführt hat, dass bei ersten Standorten die Pläne zur Re-Aktivierung konkretisiert werden sollen (während es für einige andere Teilentwarnungen gibt). Damit dann im Anschluss die Errichtung neuer Unterkünfte zügig über die Bühne gehen kann, wurden auf Bundes- wie teils auch auf Länderebene Gesetze auf den Weg gebracht, mit denen die Bundeswehr von nahezu allen Bauauflagen befreit wird.

Kasernen für den Wehrdienst

Einen relativ ausführlichen Zwischenstand über die „Fortschritte“ der Rückführungsabsichten legte das Verteidigungsministerium (BMVg) Anfang Juli mit dem Bericht über Sachstand und Fortschritt der Strategischen Liegenschaftsreserve vor, in dem es heißt, dass dieser Überprüfungsprozess bis Ende des Jahres abgeschlossen sein soll. Dort lässt sich auch nachlesen, dass in diesem Jahr noch einmal 27 weitere Flächen ins Konversionsmoratorium aufgenommen worden seien, allerdings auch schon 40 wieder daraus entlassen worden wären.

Der Sachstand teilt die Liegenschaften in solche ein, bei denen eine Nutzung irgendwann einmal sinnvoll sein könnte, und in diejenigen, die schnell zur Verfügung stehen sollen. Denn da sich der mit dem Neuen Wehrdienst erhoffte Aufwuchs rasch realisieren soll, müssen ebenso schnell neue Unterkünfte her: „Während einige Liegenschaften aufgrund eines sich konkretisierenden Bedarfes der Streitkräfte unmittelbar in die Nutzung überführt werden müssen (z.B. für den Neuen Wehrdienst und Heimatschutz), kann die Bundeswehr bei anderen Liegenschaften noch keine konkrete Verwendung, sondern nur einen grundsätzlichen Bedarf für den vorgesehenen Aufwuchs, benennen.“[2]

Vor diesem Hintergrund wurden nun die ersten acht Liegenschaften „auserkoren“, die sich für eine genauere Begutachtung „qualifiziert“ hätten, wie das Verteidigungsministerium in einer Pressemitteilung mitteilte. Eine „finale Entscheidung über die Reaktivierung und Nutzung der Liegenschaften“ sei zwar „noch nicht getroffen“, aber für die aufgeführten Gelände würden „die Planungen für eine möglichst rasche Reaktivierung und Nutzung durch die Bundeswehr nun in die nächste Phase“ gehen. Genannt werden folgende Liegenschaften:

-- Rantzau-Kaserne in Boostedt (Schleswig-Holstein);
-- Hinrich-Wilhelm-Kopf-Kaserne in Cuxhaven (Niedersachsen);
-- Unteroffizier-Krüger-Kaserne inkl. des ehemaligen Standortübungsplatzes (StOÜbPl) in Kusel (Rheinland-Pfalz);
-- Kanaal-van-Wessem-Kaserne in Soest (Nordrhein-Westfalen);
-- Wegberger Militärkomplex als StOÜbPl in Mönchengladbach (Nordrhein-Westfalen);
-- Ray Barracks inkl. des ehemaligen US-Übungsplatzes Ockstadt als StOÜbPl in Friedberg (Hessen);
-- Kurpfalz-Kaserne in Speyer (Rheinland-Pfalz);
-- Graf-Stauffenberg-Kaserne inkl. des ehemaligen StOÜbPl in Sigmaringen (Baden-Württemberg).[3]

Die Reaktionen in den Kommunen fallen gemischt aus: Während die Stadt Sigmaringen zum Beispiel schon seit Jahren um eine Rückkehr der Bundeswehr gebuhlt hatte[4], dürfte sich die Begeisterung in Speyer in engen Grenzen halten. Dort war auf dem Gelände der Kurpfalz-Kaserne ein Wohn- und Gewerbegebiet für rund 1.100 Menschen geplant worden, dessen Mischkonzept von der Stadt folgendermaßen beschrieben wurde: „Ein urbanes Gebiet mit rund 4 Hektar Größe. Es soll ein Mix aus unterschiedlichen Nutzungen mit Gewerbe, Dienstleistungen, sozialen Einrichtungen, Kultur aber auch mit einem Anteil von Wohnflächen entstehen. Bezahlbarer Wohnraum soll insbesondere für junge Familien angeboten werden. Auch gemeinschaftliche Wohnformen sind angedacht. Diese ermöglichen es, in Gemeinschaft mit anderen zu leben und trotzdem die Selbstständigkeit zu erhalten.“[5] Dementsprechend „frostig“ fiel die Reaktion aus Speyer in Form von Anke Illg, der Sprecherin der Oberbürgermeisterin, aus: „Die Stadt Speyer nimmt zur Kenntnis, dass das Bundesministerium der Verteidigung ein hohes Interesse an der Liegenschaft geäußert hat.“[6]

Auch in Friedberg (Hessen) lösten die jüngsten Entwicklungen keine Jubelstürme aus, wo die 74 Hektar große Fläche der Ray Barracks betroffen ist. Davon sind 65 Hektar als Bauland vorgesehen, die nun aber von der Bundeswehr wieder vereinnahmt werden könnten. Selbst der Friedberger CDU-Abgeordnete Thomas Pauls sieht dies kritisch: „Für die Entwicklung Friedbergs und der Region wäre eine Reaktivierung der Ray Barracks ein schwerer Einschnitt. […] Doch wenn die Friedberger Ray Barracks reaktiviert werden, wären die jahrelangen Planungen für die Stadtentwicklung mindestens in großen Teilen hinfällig.“[7]

Kommunikationsdesaster

Für Ärger sorgt bei vielen Kommunen nicht zuletzt, dass sie auf den bislang entstandenen Kosten gegebenenfalls wohl sitzengelassen werden: „Viele Städte und Gemeinden hatten bereits sehr konkrete Pläne für eine zivile Nutzung, haben Planungen für neue Stadtviertel vorangetrieben und auf eigene Rechnung Gutachten und Entwürfe anfertigen lassen. Dieses Geld werden sie nun voraussichtlich nicht wiedersehen. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) erteilt Entschädigungen eine Absage.“[8]

Die Bundeswehr wird zwar nicht müde zu betonen, sie sei bemüht in den Dialog zu treten und konsensuale Lösungen mit den betroffenen Städten und Gemeinden zu finden – ebenso klar macht sie aber, dass sie im Zweifelsfall das letzte Wort haben wird.

Auch über die Art, wie die Bundeswehr ihre Entscheidung kommuniziert hat, gibt es Unmut. Stellvertretend für wohl viele Orte kritisiert der parteilose Bürgermeister der Brandenburger Gemeinde Am Mellensee, Tobias Krüger: „Es ist keine Art und Weise der Kommunikation, wie man [auch] berücksichtigen sollte, dass es auch eine kommunale Planungshoheit in jeder Kommune in Deutschland grundgesetzlich verbrieft gibt und wenn man dann im Prinzip einfach mal eine E-Mail schreibt und sagt, hier passiert jetzt erstmal nichts, dann ist das schon ziemlich schwierig.“[9]

Die Kommune habe auf der nun von der Bundeswehr möglicherweise beanspruchten Fläche Solaranlagen geplant und sei auf die damit verbundenen Einnahmen angewiesen, so die Kritik.

Auch scheint es bislang mit der Einbindung noch nicht allzu weit her zu sein. Krüger kritisiert die Bundeswehr komme ihrer Informationspflicht nicht nach, was wohl aber das Mindeste wäre: „Das wäre das Gebaren, das sich dann so anbietet. Wir nennen das dann Bürgerinformationsveranstaltung. Da würde ich dann meine Sporthalle wieder zur Verfügung stellen und dann erwarte ich, dass diejenigen, die da was machen wollen, meine Bürger mit informieren. Also da halte ich keine Informationsveranstaltung ab, sondern da erwarte ich von denjenigen, die hier eine Entwicklung planen, dass sie Rede und Antwort stehen und meinen Einwohnern dann konkret sagen, was haben sie denn hier vor, welcher Zeitraum. Das sind ja auch immer die Frage, wann und wie schnell passiert hier eigentlich was. […] Ich fordere als allererstes eine klare Kommunikation. Also ich will wissen, an welchem Punkt befindet sich gerade die Planung für unsere Flächen, weil dieser Schwebezustand, in dem wir uns jetzt gerade befinden, der ist für mich inakzeptabel.“[10]

Militärisches Bauen

Wo es die Bundeswehr für geboten hält, will sie sich augenscheinlich von kommunalen Bedenken nicht behindern lassen. Genauso verhält es sich mit diversen bau- oder umweltrechtlichen Hürden, die eine rasche Errichtung neuer Unterkünfte verzögern könnten. Daher kündigte Verteidigungsminister Boris Pistorius bereits in seiner Rede bei der Bundeswehr-Tagung im Herbst 2025 ein Infrastrukturgesetz an, mit dem er diverse Prüfungsprozesse frontal anging: „Zuständigkeitsfragen zwischen Bund und Ländern, endlose Genehmigungsverfahren, komplexe umweltrechtliche Prüfungen, die Projekte über Jahre verzögern können, darf es nicht mehr geben.“[11]

Im schlussendlich vom Kabinett am 1. Juli verabschiedeten Bundeswehr-Infrastrukturbeschleunigungsgesetz werden beispielsweise Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP) für die Bundewehr faktisch außer Kraft gesetzt. Mit UVPs soll frühzeitig bewertet werden, wie sich geplante Großprojekte auf Mensch, Tier, Pflanzen, Boden, Wasser, Klima und Kulturgüter auswirken. Sie sollen künftig aber einem schnellen Kasernenbau nicht mehr im Wege stehen: „Mit dem in der vergangenen Woche vom Bundeskabinett beschlossenen Infrastrukturbeschleunigungsgesetz können mögliche neue Bundeswehr-Standorte dann bei Bedarf zügig wieder in die militärische Nutzung überführt werden.“[12]

Noch weiter gehen einzelne Bundesländer, wie etwa der Freistaat mit dem Gesetz zur Förderung der Bundeswehr in Bayern von 2024, über das es in einer kritischen Einordnung hieß: „Militärische Infrastruktur […] soll in Bayern zukünftig schneller hergestellt werden als anderswo. Dies erreicht man, indem man bürokratische Hürden beim militärischen Bauen reduziert. So sollen Bauvorhaben auf bestehenden militärischen Geländen komplett ohne Genehmigungen auskommen können, örtliche Bauvorschriften nicht zum Zuge kommen. Das soll nicht nur die Geschwindigkeit des Bauvorhabens erhöhen, sondern auch deren Kosten senken und zuletzt auch die bayerische Baubehörde entlasten … und es soll nach Möglichkeit mehr Geld nach Bayern fließen, denn schließlich gäbe es da einen Investitionsstau. Umweltschutz, Artenschutz, Arbeitsschutz, Lärmbelästigung, Energiegesetz – alles keine Kriterien mehr? Ein Freibrief fürs Militär die Landschaft so zu benutzen, wie es ihm gefällt.“[13]

Ein weiteres Beispiel ist das am 20. Januar 2026 vom Landeskabinett verabschiedete Dritte Gesetz zur Änderung der Landesbauordnung 2018 und weiterer Vorschriften im Land Nordrhein-Westfalen. In einer Pressemitteilung des Landes wurde unter anderem Finanzminister Marcus Optendrenk (CDU) bezüglich der Tragweite des Gesetzes folgendermaßen zitiert: „Für militärische Bauten in unserem Land muss künftig kein Baugenehmigungsverfahren mehr angestrengt werden. Das ist eine bahnbrechende Neuerung, um Bauvorhaben für die Bundeswehr schneller und unbürokratischer von der Planung zur Umsetzung zu bringen.“[14]

Noch weiter ging Baden-Württemberg, wo im Februar 2026 das Gesetz zur Förderung von Bauvorhaben der Bundeswehr in Kraft trat. Dabei handelt es sich um einen Bau-Turbo, mit dem dann tatsächlich so gut wie alle rechtlichen Hürden abgeräumt wurden. In einer Pressemitteilung zum Gesetz äußerte sich Nicole Razavi, Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen: „Wir befreien die Bundeswehr beim Bau von Anlagen, die der Verteidigungsfähigkeit Deutschlands dienen, von allen materiell-rechtlichen Vorschriften des Landes. Das betrifft unter anderem das Bauordnungsrecht, das Denkmalrecht, das Straßenrecht, das Wasserrecht und das Naturschutzrecht. […] Vorhaben, die der Landesverteidigung dienen, sind im Sinne des Gesetzes alle Anlagen, die unmittelbar der Landesverteidigung dienen wie zum Beispiel Gefechtsstände, Geschützstellungen, Funkanlagen, Flugplätze, Kasernen oder Versorgungslager. Nach höchstrichterlicher Rechtsprechung können darunter aber auch zum Beispiel Wohnsiedlungen für Militärpersonen und ihre Angehörigen fallen.“[15]

Trotz Teilentwarnung bitterer Beigeschmack

Mit den acht nun ins Auge gefassten Kasernen dürfte das Ende der Re-Aktivierungen noch lange nicht erreicht sein. Schließlich steht dem Gros der Flächen erst noch die Eignungsprüfung bevor. Außerdem benötigt die Bundeswehr nicht nur für den personellen Aufwuchs weitere Standorte – zusätzliche Flächen werden unter anderem auch für weitere Munitionslager und Übungsflächen benötigt.

Aufatmen gab es jedoch jüngst in Heidelberg, wo auf dem Gelände des Patrick-Henry-Village Wohnraum für rund 10.000 Menschen entstehen soll. Nachdem sich die Zeichen zwischenzeitlich verdichteten, dass der Großteil des Geländes zurück in eine Kasernennutzung überführt werden könnte, wurde Ende Juli 2026 weitgehend Entwarnung gegeben. In einer Presseerklärung informierte die Stadt Heidelberg, eine Kasernennutzung sei vom Tisch und die Planungen für das Wohngebiet könnten bis auf „zwei Verfügbarkeitsflächen“ fortgesetzt werden.[16] Es ist allerdings nicht die offizielle Pressemitteilung der Stadt Heidelberg, sondern ihr Facebook-Account, auf dem zu erfahren ist, um welchen Umfang und Zeithorizont es sich bei diesen „Verfügbarkeitsflächen“ handelt. Demzufolge beanspruche die Bundeswehr „nur“ zwei Flächen mit zusammen acht Hektar für mindestens fünf bzw. zehn Jahre, was knapp 10 Prozent der Gesamtfläche entspricht.[17]

Kiel

Etwas anders gelagert ist der Fall bei einem weiteren großen geplanten Wohngebiet – Holtenau-Ost, wo Wohnraum für 5.000 Menschen entstehen sollte. Die Liegenschaft sei für die Bundeswehr aufgrund seiner strategischen Lage zu interessant, um sie nicht zu beanspruchen, wie aus dem Sachstandsbericht des Verteidigungsministeriums hervorgeht: „Hinzukommen können im Einzelfall Liegenschaften, die aufgrund von Lage, Potenzial und spezifischem militärischen Bedarf von den Streitkräften zwingend benötigt werden (Kiel-Holtenau als Beispiel).“[18]

Auch hier gibt es allerdings eine (Teil-)Entwarnung – aus einem Standortdialog zwischen der Stadt Kiel und (zumeist) Bundeswehr-Akteuren entstand eine Absichtserklärung, in der festgehalten wird, dass in Holtenau-Ost noch 700 Wohnungen entstehen könnten und die Bereitschaft signalisiert wird, andere Flächen als Ausgleich aufzutun: „Der Bund erkennt dem Grunde nach an, dass der Stadt ein struktureller und geldwerter Nachteilsausgleich zusteht. Zusammen mit vom Bund bereitzustellenden Alternativflächen im Kieler Stadtgebiet sollen insgesamt Perspektiven für rund 2.275 Wohnungen entstehen – das entspricht in der Summe mehr als die ursprünglich für Holtenau Ost geplanten 2.250 Einheiten.“[19] Inwieweit die Stadt aber für ihre bisherigen (weitgehend nichtigen) und künftigen Planungskosten tatsächlich adäquat kompensiert wird, geht aus der Erklärung allerdings nicht hervor.

Augenscheinlich ist das Verteidigungsministerium durchaus bemüht, zumindest im Falle der ganz großen geplanten zivilen Wohnviertel halbwegs tragfähige Kompromisse zu finden. Allerdings hinterlässt der ganze Vorgang dennoch einen überaus bitteren Beigeschmack: Einfach so kann das Verteidigungsministerium großangelegte Planungen auf Eis legen und in ihrer Kommunikation zumindest Vertreter kleinerer Ortschaften wie den Bürgermeister der Brandenburger Gemeinde Am Mellensee, Tobias Krüger, kommunikativ links liegen lassen. Und vor allem ist es am Ende ungeachtet aller tatsächlichen oder vermeintlichen Dialogbereitschaft die Bundeswehr, die letztinstanzlich Entscheidungen von erheblicher Tragweite für die Kommunen fällt und damit die Zeitenwende bis weit in die Fläche hineinträgt.

Anmerkungen

[1] Wagner, Jürgen: Das Ende der Konversion. Die Bundeswehr-Rückeroberung der Fläche zum Ärger der Kommunen IMI-Analyse 2025/34.

[2] BMVg: Bericht über Sachstand und Fortschritt der Strategischen Liegenschaftsreserve, Berlin, Juli 2026.

[3]  Erste Entscheidungen zum Liegenschafts-Moratorium, bmvg.de, 9.7.2026.

[4] Kiebitz, Julia: Wird Sigmaringen wieder zum Bundeswehrstandort? swr.de, 9.7.2026.

[5] Entwicklung der Kurpfalz-Kaserne, speyer.de, o.J.

[6] Wehrdienst statt Wohnungen, Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 14.7.2026.

[7] Bundeswehr: In enger Auswahl, Frankfurter Rundschau, 13.7.2026.

[8] Bundeswehr beansprucht Flächen zurück – Kommunen gehen leer aus, Redaktionsnetzwerk Deutschland, 5.3.2026.

[9] Sturmberg, Jessica u.a.: Bundeswehr will alte Standorte reaktivieren, Deutschlandfunk, 6.7.2026

[10] Ebd.

[11] Boris Pistorius, Bundeswehr-Tagung, 7.11.2025.

[12] Standorte für Neuen Wehrdienst: Zunächst acht neue Liegenschaften identifiziert, bmvg.de, 9.7.2026

[13] Seifert, Andreas: Patriotismus und Ökonomie. Bayern macht die Militarisierung zum Gesetz, IMI-Analyse 2024/07.

[14] Für die Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit unseres Landes: Neue Landesbauordnung setzt Schwerpunkt bei Beschleunigung von Infrastrukturvorhaben, Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen, 23.1.2026.

[15] Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen Baden-Württemberg: Land erleichtert Bauvorhaben der Bundeswehr, Pressemitteilung, 30.10.2025.

[16] Absichtserklärung zur Konversion des Patrick- Henry-Village zwischen Bund, BImA und Stadt Heidelberg am 27. Juli 2026 unterzeichnet Ankaufsverhandlungen können fortgeführt werden, heidelberg.de, 28.7.2026.

[17] https://www.facebook.com/100064927410109/posts/1485326736974893/?rdid=YLpxOjYVxDsWgw4b

[18] BMVg: Bericht über Sachstand und Fortschritt der Strategischen Liegenschaftsreserve, Berlin, Juli 2026.

[19] https://www.kiel.de/de/kiel_zukunft/kiel_plant_baut/standortdialog.php

LOTOSBLÜTEN FÜR HIROSHIMA UND NAGASAKI

Donnerstag, 6. August 2026
Kiel, Hiroshimapark, 19.00 Uhr

Die Lotosblütenaktion wird unterstützt vom Arbeitskreis Städtesolidarität.
Mitglieder sind: Gesprächskreis für christliche Friedensarbeit, Hiroshima-Arbeitsgemeinschaft, IPPNW (Ärzt*innen für die Verhütungen des Atomkrieges), DGB Kiel Region, Mitglieder der Ratsversammlung. Vorsitz: Bettina Aust, Stadtpräsidentin der Landeshauptstadt Kiel.

Podiumsdiskussion mit Bündnispartnern
auf dem Sommerfest der DKP Kiel

Gemeinsam gegen Krieg und Krise

DKP Kiel Sommerfest2026

Am Sonntag, den 26.7.26 hatte die DKP Kiel Bündnispartner, Freund*innen und Genoss*innen in das Naturerlebniszentrum Kollhorst zu einer Diskussion über die Zusammenhänge zwischen Aufrüstung und Kriegsertüchtigung und Sozialabbau eingeladen. 50 Gäste kamen, um mit uns zu diskutieren und bei Kaffee und Selbstgebackenem zu feiern. Auf dem Podium diskutierten Vertreter*innen der Schulstreikbewegung gegen Wehrpflicht, Bündnis für bezahlbaren Wohnraum, Stadtteilladen Anni Wadle aus Gaarden, SDAJ und DKP Kiel. Infostände der SDAJ zur Kuba Solidarität, der Stadtteilladen mit seinen sozialen und politischen Initiativen aus dem Werftarbeiterstadtteil in Kiel, Kieler Friedensforum, DFG-VK und der VVN-BdA zeigten die Vielfalt der Aktivitäten gegen Sozialkahlschlag infolge der Aufrüstung.

• Die 17-jährige Schülerin vom Schulstreikkomitee berichtete, dass Schüler*innen spüren wie Militarisierung direkt zu Kürzungen führen: Lehrermangel, Kursausfall, marode Sporthallen, Unterricht in Containern. Nach ihrer Einschätzung sehen sie trotz massiver Einflussnahme durch die Bundeswehrwerbung für die Wehrpflicht an den Schulen diese kritisch. Die Schulstreikbewegung hat zur Bewusstseinsstärkung der Schüler*innen beigetragen. Die Unterstützung von Eltern gegen Wehrpflicht, Solidaritätserklärungen der Gewerkschaften, in deren Räumen sich das Komitee treffen kann und der Friedensbewegung Kiel sind ein wichtiger Beitrag im Kampf gegen die Militarisierung der Gesellschaft. Mit Sanktionen von Seiten der Schulleitungen und des Bildungsministeriums, Anwerbeversuchen von Verfassungsschutz und BKA zeigen, wie wirksam die Schulstreiks sind. Die Liste weiterer Androhungen ist lang aber die Schüler*innen machen weiter, am 25.9. findet der nächste Schulstreik statt.

• Der Vertreter des Bündnis für bezahlbaren Wohnraum, das sich seit Jahren unter anderem für mehr bezahlbaren Wohnraum auch in einem neu geplanten Wohngebiet (Holtenau Ost/ehemals Marinegeschwader 5) mit 2.500 neuen Wohnungen auf einem ehemaligen Bundeswehrgelände eingesetzt hatte, kämpft nun für dessen Umsetzung. Stadtvertreter und OB sind vor den Forderungen der Bundeswehr, das Gelände zurückzukaufen, eingeknickt. Begründung: Die neue Bedrohungslage. Er räumt auf mit der Argumentation, denn die Ostsee ist längst ein NATO-Meer, die NATO verfügt über das 10fache der Rüstungsausgaben Russlands. Er zählt auch Fehler der Stadt auf: Sie hätte nicht einem Verkauf zustimmen sollen. Sie hätte ein Gutachten erstellen sollen, ob eine drohende Enteignungsklage der BW überhaupt möglich wäre. Es fehle auch eine Expertise darüber, ob die von der Marine geplanten Einrichtungen auf dem Gelände überhaupt notwendig seien.

• Die Vertreterin vom Stadtteilladen Anni Wadle (benannt nach unserer ehemalige Genossin und Widerstandskämpferin aus dem Stadtteil Gaarden) beschreibt die Probleme im Stadtteil: Wohnungsnot, katastrophale Zustände in vielen Wohnhäusern, Drogen- und Alkoholprobleme in Folge der Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit. Kürzungen der Stadt bei entsprechenden Hilfen und Sozialleistungen z.B. im Blaupark, einem Sport und Bewegungspark mit vielen Unterstützungsangeboten, der dann durch Spenden gerettet wurde. Der Stadtteilladen bietet Alltagshilfen, Sozialberatung und Raum und ehrenamtliche Unterstützung für andere Initiativen im Stadtteil und konkrete Hilfen, wie solidarische Küche. Initiativen, wie Wimpel mit der Aufschrift „gegen Krieg für ein solidarisches Gaarden“ sehen in vielen Geschäften und Einrichtungen im Stadtteil.

• Der Vertreter der DKP nimmt das Thema auf: Wie entwickelt sich Bewusstsein? Wut bündeln gegen die Entsolidarisierung. Arbeitende, lernende und studierende und Ausgegrenzte müssen sich zusammenschließen, gemeinsam kämpfen. Aufrüstung führt zu Sozialabbau und zum Abbau demokratischer Rechte, das haben schon viele erfahren und verstanden. Uns geht es darum, grundsätzliche Widersprüche aufzuzeigen. Der Kapitalismus/Imperialismus macht die Krisen. Die höchsten Profitraten werden in der Rüstungsindustrie erreicht. Und die will den Krieg, um neue Aufträge zu generieren. „Unsere Politiker“, die wohlfeilen Medien sind die Erfüllungsgehilfen, sorgen für die Bedrohungslüge. Unsere Aufgabe ist es, Alternativen, die sozialistische Gesellschaft aufzuzeigen, in der die arbeitenden Menschen bestimmen, wie ihre Zukunft gestaltet werden soll.

• Die SDAJ macht darauf aufmerksam, dass zwischen Bildungsabbau und Militarisierung ein Zusammenhang besteht. Der Unterrichtsausfall trifft vor allem die Kinder, deren Eltern zuhause nicht „Nachhilfe“ leisten können. Berufliche Perspektivlosigkeit macht Jugendliche mit schlechterer Benotung empfänglich für die Bundeswehrwerbung. Die Schulstreikbewegung zeigt, dass die Schüler*innen selbst etwas bewegen können – ihre Streiks zeigen Wirkung. Gemeinsames anschauen der Nachrichten nach dem Streik hat sie bestärkt. Sie lassen sich nicht mehr einschüchtern von Lehrkräften und Schulleitungen. Auch an der Pflegeschule hat die Diskussion über die sogenannte Gesundheitsreform den angehenden Krankenpfleger*innen die Augen geöffnet, was sie in Zukunft erwartet: Höhere Arbeitsbelastung … Viele von ihnen werden sich am nächsten Schulstreik beteiligen.

Die Diskussionsrunde mit den Gästen brachte noch einige Aspekte in die solidarische Diskussion.
Vor allem ging es darum, wie wir gemeinsam weiter machen, wie wir die Proteste in die Bevölkerung tragen, die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften stärken, über durchaus unterschiedliche Einschätzungen der Krise und ihren Ursachen hinaus solidarisch zusammen arbeiten.

(Bericht DKP-Kiel)

Kommentar:

Momentaufnahme zum MFG-5-Gelände

Eine Auswertung, Mai 2026

Für Holtenau-Ost mag rückblickend gelten, dass mit der Errichtung des Wohnungsbaus mit 700 Wohneinheiten (WE) von insgesamt 2275, gemäß ursprünglicher Planung, unabhängig von der gegenwärtigen Entwicklung, schneller nicht hätte begonnen werden können. Allerdings stellt sich die Frage nach dem Warum. Die Dauer von 9 Jahren für die Grundbucheintragung des 92 ha MFG-5-Geländes, mit einer Laufzeit ab 2013, stellt im Zeitfenster eine veritable Größe dar. Seitdem sind weitere vier Jahre ohne sichtbares Ergebnis vergangen.

Laut Statistik hat das von diesem Procedere betroffene 2. Jahrzehnt zu Preissteigerungen für Wohngebäude in Höhe von 64% für die Jahre von 2010 bis 2022 (Quelle: Distatis) geführt, hinzu kommen in den Folgejahren jeweils mit Bezug zum Vorjahr in 2023 4,3%, in 2024 von 3,1% und in 2025 von 3,2%. Gegenwärtig im 2. Quartal 2026 befindet sich eine neue Hochpreisphase am Start.

Im großen Maßstab schuldenfinanzierte Verteidigungsausgaben bei gleichzeitig wachsenden Zinskosten, einer lahmenden Wirtschaft, sich verstetigenden Krisen und leeren Haushaltskassen bilden den aktuellen Hintergrund bei einem für den Wohnungsbau bestehenden erheblichen Handlungsdruck.

Die ohne Tonnenhof, als Verhandlungsmasse vom Bund angebotenen neun Kompensationsgrundstücke im Austausch gegen den Erhalt 2/3 der Gesamtfläche des MFG-5-Geländes, bedingen allerdings den völligen Neustart aller Planungsprozesse einschließlich der Koordinierung für Neuabschlüsse mit Wohnungsbaugesellschaften und Investoren neben der Einwerbung von Fördergeldern etc.. Sie werden in der Bearbeitung einen erheblichen Planungsmehraufwand verursachen, mit weiteren zeitlichen Verzögerungen und mit sachbedingten Kostensteigerungen verbunden sein.

Mit verzögernder Wirkung hinzu kämen bestehende Verfügbarkeitseinschränkungen für das Gros der Kompensationsflächen seitens des Bunds, die die vorherige Fertigstellung von bundeseigenen Baumaßnahmen bedingen, bevor sie nach aktueller Schätzung des Bundes in den Jahren `29, `31 `32 an die Landeshauptstadt Kiel (LHK) übertragen werden könnten.

Die zur Eigennutzung vom Bund auf den Flächen Flughafen Süd, (Eekbrook) und Feldstr. 234 vorgesehenen, eigens vom Bund zu errichtenden 450 Wohneinheiten, minimieren die Verfügbarkeit von Wohnungen auf dem sogenannten freien Markt, um rd. 20% auf 1.825 WE.

Die Kompensationsgrundstücke sind zwar als wertig, aber nicht als gleichwertig zu bezeichnen, weil ohne Zugang zur Förde, an oder in der Nähe von Hauptverkehrsachsen, oder wie z.B. Meimersdorf an der südlichen Peripherie gelegen.

Luft:

Nutzungsbedingt wäre durch die vorgesehene Inbesitznahme mit einer eklatanten Zunahme der Schadstoffemissionen zu rechnen, da nach Aussage des Bundes mit einem Landanschluss für die Schiffe nicht zu rechnen ist. Sie würden im Ruhezustand an allen Anlegern und Molen in Addition zu den bereits durch den Verkehr auf dem Kanal verursachten Emissionen die direkte städtische Nachbarschaft, durch die Kanaldüse immer das gegenüberliegende Ostufer und bei entsprechender Windrichtung auch die Naherholungsgebiete im Kieler Norden hüben wie drüben und in Fahrt die Standorte emittieren, denn die Verbrennung von fossilen Energieträgern wie Schweröl oder Marinediesel sind noch bis 2050 zugelassen. Die Konditionen zur Beschränkung dieser Verschmutzungen wären daher jetzt verbindlich zu regeln. Es ist ebenfalls von einer Zunahme von Lärmemissionen durch den beweglichen Schiffs- und Flugverkehr auszugehen.

Wasser:

Die Wik verliert durch die geplante Ausweitung der Bundesflächen den Zugang zum Wasser faktisch vollständig. Das Gleiche gilt für die wasserberührte Fläche des MFG 5.

Land:

Durch den geplanten Eigentümerwechsel kämen der LHK unwiederbringlich die qualitativ wertvollsten städtischen Flächen am Förde Ufer abhanden, und damit auch jede mit dem Eigentum verbundene Planungshoheit über den Grund und Boden. Der Besitz an Flächen in städtischer Hand ist baupolitisch, wie das Ulmer Modell seit Langem in wirtschaftlicher Hinsicht beweist, von zentraler Bedeutung. Grundstücke sind das entscheidende Kapital der öffentlichen Hand und die Verhandlungsmasse zwischen den Beteiligten. Das gilt auch für diese aktuelle, gerade wegen der Zuordnung beider Parteien zum öffentlichen Sektor bestehenden, besonderen Konstellation, die Erwartungshaltungen, für eine hier nun zwingend gebotene (mit Enteignungsandrohung), bestenfalls einvernehmliche Einigung zwar bedingt, die sich wegen der auf beiden Seiten bestehenden konträren Interessensachlagen, von städtischer Seite am Gemeinwohl orientiert, aber nicht umsetzen lassen wird.

Es wäre daher ratsam, auf den Verkauf von Grundstücken im Besitz von städtischer und kommunaler Hand, auch in diesem Fall gänzlich zu verzichten und für angestrebte Nutzungen und die Gewährung von Planungssicherheit für die Seite der Nutzer, andere bestehende Rechtsmodelle anzuwenden.

Kein Verkauf des MFG-5-Geländes

Nach weniger als seinem Jahr nach der Bekanntgabe der Nutzungsansprüche auf Flächen der LHK, soll der Vorlage des „Letter Of Intent“ (LOI) nach seiner Unterzeichnung von den Partnern am 15.04., noch ohne eine bestehende Einigung über das vom Bund offerierte finanzielle Angebot, der Ratsversammlung der Stadt Kiel bereits am 11. Juni 2026 zur Abstimmung vorgelegt werden.

Die Eile, mit der seitens des Bundes ultimativ auf einen Abschluss gedrungen wird, stellt für die LHK einen entscheidenden Verhandlungsnachteil dar. Denn es darf bezweifelt werden, dass innerhalb dieser außerordentlich kurz bemessenen Zeitspanne von knapp einem Jahr, die, in der Sache bedeutsamen, Vorlagen von der LHK in vollem Umfang und erschöpfend bearbeitet werden konnten. Neben den vielen bereits bekannten Komponenten bedürfte es für die Angebotsprüfung/ - verhandlung mit dem Bund dafür an Grundlagen, mit eigens fertiggestellten Planungs- und Zeitkonzepten bis zur Fertigstellung, für alle Grundstücke, um die daraus resultierenden Mehrkosten belastbar ermitteln und einpreisen zu können. Für die kommenden Jahre noch beaufschlagt um absehbar außerordentlich hoch zu bewertende Indexsteigerungen, die aktuell größten Unbestimmten. Die dafür zusätzlich noch benötigte administrative Laufzeit wäre zu sichern.

Unabhängig davon ist es geboten, den Wohnungsbau mit ganzer Kraft, allerorts voranzutreiben und sofort für entsprechende Programme und deren Umsetzung zu sorgen. Von Zeitfenstern mit einer Planungsdauer von 2 Jahrzehnten (Ansatz ab 2012) muss zwingend Abstand genommen werden.

Andernfalls wird der Wohnungsbau unbezahlbar und von der Realisierung eines bezahlbaren, geförderten Wohnungsbaus, in einer am Bedarf orientierten Größenordnung kann keine Rede mehr sein.

Sabine Petersen

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Schulstreik am 8. Mai in Kiel: Tag der Befreiung

700 Schüler/innen demonstrierten am 8. Mai 2026 in Kiel im Rahmen des bundesweiten Schulstreiks erneut gegen die Aufrüstung und Wiedereinführung der Wehrpflicht. Bundesweit waren es über 40.000 in mehr als 80 Städten, allein in Berlin rund 10.000.

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Möglicherweise war es den Repressalien durch Verfassungsschutz, BKA und Schulleitungen (Einzelgespräche, Drohung mit Fehlstunden) geschuldet, dass trotz des guten Wetters weniger auf der Straße waren als auf den vorherigen Schulstreikdemos. Während Jugendoffiziere an den Schulen mit Billigung der Landesregierung gezielt Heranwachsende einseitig in Richtung „Sicherheit“ und „Wehrdienst“ beeinflussen können, scheinen die Innenministerin Magdalena Finke (CDU) und der NDR daran zu arbeiten, die Schulstreiks als von der SDAJ unterwandert darzustellen: Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes rufe die SDAJ zu den Schulstreiks auf, so Finke, um ihre Ideologie zu verbreiten und neue Mitglieder zu werben. Es sei deshalb wichtig, „präventiv“ tätig zu werden (Quelle: NDR, 8.5.26).
Die „Linksextremismus“ - Keule des Verfassungsschutzes scheint Methode zu haben, hat doch erst im März der CDU-nahe Kulturstaatsminister Wolram Weimer drei vom Verfassungsschutz als „linksorientiert“ eingestufte Buchhandlungen von der Liste des Buchhandlungspreises gestrichen.
Zwar wurden im NDR – Bericht auch Schüler/innen interviewt, die kritisierten, dass Geld nicht in Bildung sondern in Panzer investiert werde und ihre Besorgnis über den politischen Kurs der Bundesregierung ausdrückten sowie darüber, dass „alle nach Krieg schreien“, es fehlte jedoch die Stellungnahme der als „linksextrem“ diffamierten SDAJ.
Aber das Schleifen der journalistischen Sorgfaltspflicht scheint mittlerweile zum Alltag der öffentlich-rechtlichen Medien zu gehören. Oder eine gewisse Einseitigkeit: Am gleichen Tag im Anschluss an die Berichterstattung über die Schulstreikdemos in der Tagesschau lobte der Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums den hohen Rücklauf der Fragebögen zum Wehrdienst (nicht verwunderlich bei einem angedrohten Bußgeld von 250 Euro), allerdings, ohne auf den Inhalt einzugehen. Den Kommentar, es würden sich nicht genug Freiwillige finden, gewährte die ARD dem AFD-Mitglied Jens Nolte und schloss mit der Aussicht auf „eine Wehrpflicht“. (bm)

schulstreik kiel05 2026 0651

Wehrpflicht – zwischen individuellen Freiheitsrechten und Sicherheit

Aktuell wurde im Kieler Friedensforum bekanntgegeben: Am Freitag, 5. Juni, von 11.00 - 13.00 Uhr, soll in der Hebbelschule eine gemeinsame Veranstaltung von vier Kieler Gymnasien (Hebbel-, Humboldt-, Gelehrten- und Ricarda-Huch-Schule) zum Thema: „Wehrpflicht – zwischen individuellen Freiheitsrechten und Sicherheit“ für die 11. und 12. Jahrgänge des Fachs WiPo stattfinden.
Auf dem Podium sind eingeladen: Martin Brück (Norddt. Netzwerk Friedenspädagogik), Hauptmann Kristina Ciorceri, (Jugendoffizierin der Bundeswehr), Prof. Andre Munzinger (CAU Kiel, Religionswissenschaft), Prof. Dr. Wilhelm Knelangen (CAU Politikwissenschaft) und Agnes Strack-Zimmermann. Ein „einordnender Impuls“ soll durch Johannes Peters (ISPK Kiel) stattfinden. Ein Vertreter aus der Friedensbewegung wurde nicht angefragt. Die DFG-VK hat sich bei der Schulleitungen als Podiumsteilnehmer angeboten, um die Meinungsvielfalt zu gewährleisten. Es ist zu hoffen, dass die Veranstaltung vom Kieler Streikkomitee begleitet wird. (uws)

schulstreik kiel05 2026 0696

1. Mai 2026 in Kiel:
„Unsere Zukunft statt eurer Profite!“

ErsterMaiKiel2026 03

Mit schätzungsweise 2.500 bis 3.000 Teilnehmer/inne/n war die Demonstration, die am 1. Mai vor dem Kieler Gewerkschaftshaus begann, ein voller Erfolg. So überwältigend zahlreich wie dieses Mal war die 1. Mai Demonstration in Kiel seit Jahrzehnten nicht gewesen.

Es war sicher weniger das sonnige Wetter, dass die Menschen auf die Straße trieb als vielmehr der zunehmende Unmut über die derzeitige Regierungspolitik, die mit brutalem Sozialkahlschlag bei gleichzeitiger Hochrüstung und Militarisierung der arbeitenden Klasse ihre Verachtung zeigt.

Auffällig waren die vielen jungen Demonstrant/inne/n, als zeichne sich ein Generationenwechsel in der politischen Linken ab, und so erklangen Parolen wie „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft!“ und „Unsere Zukunft statt euer Profite!“.
Die Gewerkschaften IG Metall und ver.di waren zahlenmäßig am stärksten vertreten, aber auch viele andere Einzelgewerkschaften wie die GEW, EVG und die IG BCE.

Stark vertreten waren Jugendverbände wie die SDAJ, Solid und der Internationale Jugendverband, weswegen auch Parolen wie „Nie wieder Wehrpflicht“ und „Kein Mensch, kein Cent der Bundeswehr!“ erklangen, unterstützt durch Transparente mit Slogans wie „Klassenkampf von unten gegen ihre Kriege von oben!“ und „Klassenkampf statt Sozialpartnerschaft!“.

Aus Lautsprechern ertönten alte Lieder aus der Arbeiterbewegung wie das Einheitsfrontlied von Brecht und die Internationale. Ein sehr viel kämpferischer, zahlenmäßig stärkerer 1. Mai als alle zuvor. (bm)

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