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20 Jahre zapatistische Erhebung in Südmexiko


Seit 10 Jahren gibt es die autonomen Kommunalstrukturen in Chiapas, vor 20 Jahren begann der zapatistische Aufstand und vor 30 Jahren wurde der EZLN im hintersten Winkel Südmexikos gegründet. Neujahr 1994 trat der Vertrag über die Nordamerikanische Freihandelszone, NAFTA oder TLC, in Kraft. Von Alaska bis Chiapas sollte ein offener Markt für Prosperität sorgen, für eine grenzenlose Freizügigkeit von Kapital und Waren. In Mexiko zelebrierten die politischen und ökonomischen Granden des Landes wie in Kanada und den USA den Sieg des Freihandels über staatliche Regulation und Schutzzölle. Unter Präsident Carlos Salinas de Gortari wurden in den Jahren zuvor Teile der Staatswirtschaft zerschlagen und die mexikanische Verfassung angepasst:

Das Verbot des Handels mit Land im kommunalen, gemeinschaftlichen Besitz, den Ejidos, wurde gestrichen. Diese zentrale Errungenschaft der mexikanischen Revolution von 1910 bis 1920 schützte vor allem die verarmten KleinbäuerInnen der indigenisierten Gruppen und störte die Inwertsetzung ihres kommunalen Besitzes. Es war die Zeit des TINA-Denkens. There is no alternative hatte Maggie Thatcher als Vorreiterin eines militant deregulierten Kapitalismus die griffige Formel geprägt. Seit dem endgültigen Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 und der meisten im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, RGW, verbundenen staatskapitalistischen sogenannten Volksdemokratien schien der Systemwiderspruch negativ aufgehoben, eine Alternative zum kapitalistischen Weltsystem unrealistisch, nur etwas für Träumende.

Wenig beachtet in der Linken wurde der Umbruch in der Weltwirtschaft, der für Befreiungsbewegungen noch einschneidendere Folgen hatte als der Zusammenbruch des RGW: Mit der Serienreife der Mikroelektronik änderten sich die Produktionsbedingungen grundlegend: Wo vorher, im Fordismus, dessen Symbol das Fließband ist, nur industrielle Großserien profitabel waren, für deren Produktion und Absatz national organisierte, wohlfahrtsstaatlich abgesicherte Länderökonomien erforderlich waren, wurde die Serienproduktion immer kleinteiliger profitabel und immer flexibler in den Produktionsstandorten. In diesen Zeiten nach dem Fordismus, im Postfordismus, ist die kapitalistische Produktionsweise nicht mehr auf stabile, in sich homogenisierte Nationalökonomien angewiesen: Die Staaten fragmentieren sich zunehmend in miteinander konkurrierende Regionen. Der klassischen linken Orientierung auf die Eroberung des Nationalstaates und den Aufbau einer eigenständigen Nationalökonomie ist damit die materielle Grundlage entzogen, wie in dem Buch "Postfordistische Guerrilla - Vom Mythos nationaler Befreiung" versucht wird darzulegen. Befreiungsbewegungen haben zwei Möglichkeiten, auf diese neuen Bedingungen zu reagieren: Sie können sich für das Mitkonkurrieren im Wettkampf der Regionen entscheiden, im gegenseitigen Unterbieten mit noch besseren Ausbeutungsbedingungen. Alternativ können sie aber auch von der Vorstellung Abstand nehmen, dass mit der Eroberung des Staatsapparates durch eine Avantgardeorganisation der Kapitalismus abgeschafft werden kann und stattdessen die Selbstorganisation der Ausgebeuteten, Ausgegrenzten und Entwürdigten befördern.

Der EZLN hat sich für den zweiten, emanzipatorischen Weg entschieden - das macht, bei allen Schwierigkeiten im konkreten, seine Faszination für viele radikale Linke weltweit aus. Gerade auch in Lateinamerika. "Wir schreiten fragend voran" in diesem zentralen Motto des EZLN drückt sich die Überwindung des klassischen Avantgarde-Prinzips aus. Die Verankerung, die breite Unterstützung für den EZLN basiert auf der Absage an Avantgarde-Vorstellungen: Keine protostaatliche militaristische Bewegung, keine Unterordnung emanzipatorischer Bewegungen unter die Strategie der Machteroberung, der vermeintlichen nationalen Befreiung. Als der EZLN am 17. November 1983 von fünf versprengten Mitgliedern der zuvor zerschlagenen klassischen, maoistisch orientierten Stadtguerrilla FLN, Fuerzas de Liberación Nacional, im lakandonischen Dschungel gegründet wurde, war dies keine Selbstverständlichkeit. Die ehemaligen Militanten der FLN lernten aber, zuzuhören, anstatt vermeintliche Weisheiten zu verkünden. So bildete sich ein dialogisches, gleichberechtigtes Verständnis des Umgangs mit der kleinbäuerlichen, indigenisierten Bevölkerung heraus. Dies ist die schärfste Waffe des EZLN. Und eine zwingende Konsequenz aus den Niederlagen früherer Guerrillas in Mexiko - und darüber hinaus.


An 25. Februar 1990 war die staatsmachtfixierte FSLN, Frente Sandinista de Liberación Nacional, von einer des Bürgerkriegs müden Mehrheit der Stimmberechtigten abgewählt worden. Die sandinistische Revolution ist gefallen, titelten Zeitungen. Tatsächlich zerfiel die FSLN in der Folgezeit aufgrund eines patriarchalen Personenkultes im Daniel Ortega. Die interne Opposition wurde aus der Frente gedrängt, die Leitungsebene korrumpierte sich durch die private Aneignung von Staatseigentum vor der Machtübergabe. Symbolisch für Deals mit traditionellen Eliten war ein Buch, in dem Tomás Borge den Präsidenten Mexikos, Carlos Salinas de Gortari, in einem endlosen, apologetischen Interview sich als Freund emanzipatorischer Bewegungen inszenieren ließ, während er gleichzeitig die Wirtschaft des Landes deregulierte und soziale Rechte abbaute. Die lateinamerikanische Linke sah zu, wie die SandinistInnen sich nach ihrer Wahlniederlage selbst delegitimierten. Mit den SandinistInnen scheiterte die gesamte klassische, staatsfixierte marxistische Revolutionstheorie: Die Eroberung der Macht, des Staatsapparates ist keine Garantie für den Bestand oder die Nachhaltigkeit revolutionärer Umwälzungen. Und ein Avantgardekonzept ist keinerlei Garantie dafür, auf Dauer radikal für eine an den örtlichen Bedingungen orientierte, emanzipatorische, sozialistische oder kommunistische Gesellschaft einzutreten. Auch andere avantgardistisch orientierte revolutionäre Bewegungen gerieten Anfang der neunziger Jahre an die Grenzen ihrer Möglichkeiten: Die in jahrzehntelangen Kriegen zermürbten Guerrillas Zentralamerikas hatten entweder bereits Friedensabkommen unterzeichnet, wie im Januar 1992 die Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional, FMLN in El Salvador, oder führten Verhandlungen darüber, wie die Unidad Revolucionaria Nacional Guatemalteca, URNG-MAIZ, welche 1996 ebenfalls ein Abkommen schloss, dass die politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse, Ausschlüsse und Ungerechtigkeiten - etwa bei der Landverteilung - im wesentlichen beließ. Joaquin Villalobos, seinerzeit einer der Comandantes der FMLN, übergab medienwirksam seine AK 47 an Carlos Salinas de Gortari, um seine Aufgabe des bewaffneten Kampfes zu bezeugen - und mit seinem Austritt aus der FMLN auch seine Bereitschaft, von nun an im elitären Politikbusiness mitzuspielen. FMLN und URNG konnten sich aber dafür als politische Organisationen legalisieren, bauten Parteiapparate auf.

Und die mit massiver US-Unterstützung gegen sie zwecks Aufstandsbekämpfung geführten Kriege „niedriger Intensität“ gegen ihre soziale, zivile Basis fanden ein Ende. Die FMLN hatte ihre letzte große Offensive kurz vor der Eroberung der Hauptstadt San Salvador im November 1989 abbrechen müssen, weil die Luftwaffe die Elendsquartiere rundherum massiv zu bombardieren begann. Außerhalb des Landes nahm dies nur die kleine linksradikale Soliszene ohnmächtig zur Kenntnis. Auch in Guatemala konnte die Armee weitgehend ungestört ganze Dörfer massakrieren, in denen die URNG ihre kleinbäuerliche, indigenisierte Basis hatte. Die FMLN regiert zwar derzeit in El Salvador, stellt den Präsidenten, ist aber in den Zwängen der postfordistischen wirtschaftlichen Konkurrenz mit anderen Rohstofflieferanten gefangen und muss versuchen, mit einem Staatsapparat nach links zu steuern, der auf Absicherung der Kapitalinteressen und der Repression ausgerichtet ist.


Einer der wenigen diplomatischen Kontakte der Guerrillas war Mexiko. Hier herrschte seit Jahrzehnten der PRI, Partei der institutionalisierten Revolution, die aus der auf halben Wege steckengebliebenen mexikanischen Revolution hervorgegangen war. Ihre Nomenklatura kontrollierte über ein klientelistisches, korporativistisches soziales System nicht nur den Staat, sondern auch die Gewerkschaften, die Nachbarschaften, die Dörfer. Wenn eine oppositionelle Bewegung den Allmachtsanspruch des PRI in Frage stellte, wurde von dieser wenn möglich die Führung eingekauft bzw. kooptiert. Radikale Bewegungen, die sich der Kontrolle und der Bevormundung entzogen, wurden (und werden) mit militärischen Mitteln der Aufstandsbekämpfung staatsterroristisch verfolgt und wenn möglich zerschlagen. So wie die Studierendenbewegung, wo allein beim Massaker von Tlatelolco am 2. Oktober 1968 hunderte DemonstrantInnen erschossen wurden. So wie die Guerrillas der 70er Jahre, als Hunderte KleinbäuerInnen wegen deren vermeintlicher Unterstützung spurlos verschwunden lassen wurden.


Und dann Chiapas. Am 1. Januar 1994 kamen sie, für fast alle überraschend, aus den Bergen, aus den Dörfern. Tausende, die an ihren dschungelgrünen Uniformen rote Sterne trugen, und das bis dahin unbekannte Kürzel: EZLN, für Ejército Zapatista de Liberación Nacional, Zapatistische Armee zur nationalen Befreiung. Die städtische mexikanische, die lateinamerikanische Linke waren elektrisiert. In der „Ersten Erklärung aus dem lakandonischen Urwald“ erklärte der EZLN dem Staat Mexiko den Krieg:  "¡Ya Basta - es reicht!". Sieben Provinzstädte in Chiapas wurden durch Milizionäre und Milizionärinnen des EZLN besetzt. Die nur leicht bewaffneten Zapatistas, wie sie bald genannt wurden, waren bald massiven Angriffen der mexikanischen Bundesarmee ausgesetzt. Besonders brutal war deren Vorgehen in Ocosingo, wo selbst Krankenwagen und SanitäterInnen des EZLN zusammengeschossen waren. Beeindruckend nachzulesen bei der mexikanischen Journalistin Gloria Muñoz Ramirez, die einige Jahre bei dem EZLN lebte, in ihrem Buch "20 + 10 Das Feuer und das Wort". Unvergesslich, aufrüttelnd die Bilder von erschossenen MilizionärInnen in ärmlichen Kleidern, die nur mit Gewehrattrappen aus Holz auf einem Marktplatz lagen, oder von fünf Milizionären, die gefesselt erschossen worden waren. Die Luftwaffe flog Angriffe auf Dörfer, die mit dem EZLN in Verbindung gebracht wurden.


Aber Mexiko war druckempfindlich - schließlich war es auf dem kapitalistischen Weltmarkt kein kleiner Rohstofflieferant wie die Staaten Zentralamerikas, sondern ein Staat der Semiperipherie, mit einem starken industriellen Sektor insbesondere im Ölsektor, einem großen Binnenmarkt, und einer verstärkten Einbindung in globalisierte Wertschöpfungsketten. Der am stärksten wachsende Sektor war bereits die an der Grenze zu den USA konzentrierte Maquiladora-Industrie, Fabriken, in denen die arbeitsintensive Montage von Weltmarktprodukten stattfindet. Mexiko war so sehr empfindlich für mögliche Imageschäden, die möglicherweise einen Abzug ausländischen Kapitals aus der Maquila-Industrie zur Folge hätte. Diese Angst erwies sich als unbegründet, aber dass war 1994, beim Inkrafttreten des Freihandelsabkommens keineswegs klar.

Aber auch dank der jahrelangen klandestinen Vorbereitung der zapatistischen Erhebung konnte diese nicht so einfach zusammengeschossen werden wie mexikanische Guerrillabewegungen vor ihr: Das gleichzeitige Auftauchen in sieben Provinzstädten demonstrierte eine breite Basis in der Region, die zudem für zweierlei in Mexiko bekannt war, was der Erhebung Öffentlichkeit und Empathie verschaffte: Zum einen ist Chiapas bekannt für den großen Anteil Indigenisierter an der Bevölkerung, zum anderen als interne Peripherie, als Armutsregion. Beides ist ineinander verzahnt: Als indígena, zu deutsch: Eingeborener, gilt, wer eine der vorspanischen Sprachen als Erstsprache erworben hat und sich mit kleinbäuerlicher Produktionsweise über Wasser hält. Wer den sozialen Aufstieg schafft und die vorspanische Sprache ablegt, ist kein indígena mehr, sondern ein mestizo, zu deutsch: Mischling. indígena zu sein ist eine sozial hergestellte Kategorie, die erst essenzialistisch verstanden zur rassistischen wird. Eine solche, erniedrigende Zuschreibung ist in Mexiko vor 1994 dominanter gewesen als heute. Denn zumindest sich fortschrittlich verstehende MexikanerInnen haben mit der zapatistischen Erhebung eine beispielhafte Selbstermächtigung der ausgegrenzten KleinbäuerInnen kennengelernt, die eine paternalistische Überheblichkeit hinterfragt.

Ein positiv rassistisch-romantisierender Blick auf indígenas hat durch den zapatistischen Aufstand einerseits Legitimation verloren, sich anderseits in diffuser Form sogar noch verbreitet: Während der EZLN immer wieder betont hat, dass bereits 1993 mit der Proklamation der "Revolutionären Frauengesetze" der "Aufstand vor dem Aufstand" stattfand, so wirken viele Verlautbarungen und vor allem: Medienberichte über die zapatistischen Widerstandsdörfer so, als ob diese widerspruchs- und konfliktfrei von edlen indìgenas bevölkert seien. Dass eine solche Projektion auf ZapatistInnen als edle Wilde den Blick für soziale Realitäten verstellt, zeigt die bis heute anhaltende Debatte um die "Revolutionären Frauengesetze", die vor allem notwendige Schutzmaßnahmen gegen patriarchale und sexualisierte Angriffe fordern. Dieser Erfolg will im Alltag immer wieder neu errungen werden. Auch der Kampf gegen die Kaziken in den Dörfern zeigt, dass nicht alle Indigenisierten vor dem Aufstand gleich waren. Kaziken, welche die Hilfsgelder des mexikanischen Staates zuteilen, damit Kontrolle im Sinne der PRI oder anderer staatsnaher Parteien ausüben, ausgeübt haben, paramilitärische Gruppierungen unterhalten, größere Ländereien oder Handelseinrichtungen besitzen, wurden vom EZLN aus den kontrollierten Gebieten vertrieben, versuchen aber um Teil mit paramilitärischen Attacken und Massakern alte Pfründe wiederzuerlangen. Wobei sie mit den Milizen oder Verbänden der EZLN viele kleinere, weitgehend unbekannte Gefechte austragen. Nicht von ungefähr ist eine geläufige Selbstbezeichnung "otzilmakob", was in der vorspanischen Sprache „kleine Leute“ bedeutet – während die mayasprachige Oberschicht, die Kaziken, „dzulob“ genannt werden, was die Reichen - oder die Fremden bedeutet: Die sozialen Konflikte werden auch von unten durch externalisierende rassistische Zuweisungen aus den traditionellen, nicht-zapatistischen Dörfern hinausgedacht, wo sie aber alltäglich präsent sind.

Gleichzeitig hat sich die Öffentlichkeitsarbeit des EZLN so gewandelt, dass niemand mehr ernsthaft der Vorstellung kulturell abgeschlossener, weitgehend homogener indigener Gruppen anhängen kann, wer die Internetseiten des EZLN, Radiosender, öffentlichen Veranstaltungen oder Verlautbarungen verfolgt. Die Erfahrungen mit den Folgen des Freihandelsabkommens, der Deregulierung des mexikanischen, früheren rudimentären Wohlfahrtsstaates, dem Umbau Mexikos zum peripheren Wettbewerbsstaat spiegeln sich auch in den zapatistischen Dörfern wider. Viele der Aufständischen sind nicht nur zwei-, sondern dreisprachig, haben Migrationserfahrungen, bereits in den USA gearbeitet. "Nie wieder ein Mexiko ohne uns", dieser zapatistische Grundsatz, trägt diesen Erfahrungen Rechnung. Dabei ist der Bezug auf die mexikanische Nation einerseits nationalistisch aufgeladen, andererseits aber hauptseitig ein antirassistischer: Für ein Ende der Ausgrenzung als vermeintlich rückständige Eingeborene, für eine Teilhabe.

Der EZLN und die zapatistische Basis haben dies mit ihrer bisher größten Mobilisierung am 21. Dezember 2012 eindrucksvoll gezeigt: Am letzten Tag des alten Zyklus des vorspanischen Kalenders, auch "Maya-Kalender" genannt, für den esoterische Möchtegernindianer den Weltuntergang vorhergeraunt haben, demonstrierten 50.000 mit Sturmhauben Maskierte in fünf chiapanekischen Städten auf den Marktplätzen - in völliger, eindrucksvoller Stille. Sie liefen in langen Reihen über provisorisch aufgebaute Bühnen und hoben dort die geballte Faust. Unmittelbar nach dieser eindrucksvollen Demonstration ihrer Präsenz erklärte der Pressesprecher des EZLN: "Habt ihr das gehört? Es ist der Klang eurer Welt, die zusammenbricht. Es ist der Klang unserer Welt, der wiederkehrt". Einmal mehr hatten die Zapatistas mit ungewöhnlicher, eindrucksvoller Symbolik auf sich, auf die Forderungen nach Gerechtigkeit und Freiheit aufmerksam gemacht.


"Alles für Alle" ist ebenfalls eine Forderung nach Teilhabe, nach Zugang für alle zu dem, was mensch zum guten Leben braucht. Die Forderung drückt die radikale Opposition des EZLN zum Klientelismus des mexikanischen Staates aus: Es geht nicht um mehr oder weniger Almosen, es geht um Autonomie, um die Möglichkeit, sich ohne Bevormundung, in der selbstgewählten kulturellen Form entfalten zu können. Die Aktivitäten des mexikanischen Staates wirken dem entgegen - nicht nur in Chiapas. Unter dem letzten Präsidenten Felipe Calderon vom PAN, Partei der nationalen Aktion, haben zwischen 2006 und Ende 2012 die Konflikte um kommunalen, gemeinschaftlichen Besitz in ganz Mexiko zugenommen, so die an der Universität UNAM tätige Ethnologin María Fernanda Paz: In 22 Bundesstaaten hat sie 125 offene Konflikte registriert: "Dabei geht es um Kämpfe gegen Minen, Staudämme, Windräderparks, Straßenbau, Stadtentwicklungsprojekte". Staatliche Planung zur Inwertsetzung stößt auf den kommunalen Widerstand. In Chiapas haben sich Mitte Dezember viele Gemeinden außerhalb des zapatistischen Gebietes selbstverpflichtet, keine Minenprojekte auf ihrem Gemeindeland zuzulassen. In den selbstverwalteten fünf zapatistischen Regionen, den Caracoles, ist dies eine Selbstverständlichkeit, in den davon entfernten, jetzt an die Öffentlichkeit getretenen Gemeinden fehlt den AktivistInnen ein Schutz, wie ihn die zapatistischen, selbstverwalteten, vom Staat unabhängigen, autonomen Gemeinden darstellen. In den Juntas del Buen Gobierno, den Dorfräten, herrscht nicht der EZLN. Es gilt das imperative Mandat, das Rotationsprinzip garantiert, dass sich keine neue Führungsschicht herausbildet. Eine funktionierende Rätedemokratie ohne Vorherrschaft einer Partei. Die klassischen Parteien der repräsentativen StellvertreterInnen-Demokratie Mexikos spielen keine Rolle. Nicht zufällig ließ sich Luis Hernández Navarro, mexikanischer Journalist und Kenner des EZLN, in einem Artikel dazu hinreißen, die selbstverwalteten Regionen des EZLN als "Lakandonische Commune" zu bezeichnen. Es gibt dafür gute Argumente.


Gaston Kirsche (gruppe bricolage)


Der Autor hat als Mitglied der damaligen gruppe demontage 1998 das in 2. Auflage noch erhältliche Buch "Postfordistische Guerrilla - Vom Mythos nationaler Befreiung" (Unrast-Verlag) mitverfasst, in dem auch Mexiko und der EZLN Thema sind.

   

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