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Fracking fürs Vaterland

01. Juli 2014 Energiekonzerne wittern Morgenluft. Fast hatten sie schon Deutschland für ihre Frackingpläne aufgegeben. Zu stark erschien der Widerstand in der Bevölkerung. Die Vorstellung, dass ein giftiger Chemikaliencocktail in den Boden unter ihr Grundstück, in der Nähe ihres Lieblingssees oder Wasserwerks zwecks Gasförderung in den Boden gepresst werden könnte, schreckt viele. Wie Pilze nach einem warmen Regen schossen die Bürgerinitiativen nach dem Bekanntwerden der ersten Vorhaben aus dem Boden.

Doch nun zeigt sich einmal wieder, dass ein äußerer Feind – und sei es nur ein selbst aufgebauter Popanz – für so manches gut ist. Die Abhängigkeit vom russischen Erdgas gelte es zu überwinden, denn Moskau drohe, der EU den Gashahn zuzudrehen. Das ist zwar frei erfunden, wie auch die Abhängigkeit der meisten EU-Staaten von den russischen Lieferungen nur sehr relativ ist – Deutschland bezieht etwa ein Drittel seines Bedarfs von Gasprom, die EU als Ganzes 25 Prozent. Doch egal, die vermeintliche Bedrohung muss herhalten, um in aller Schnelle ein Gesetz durch den Bundestag zu bringen, das großflächiges Fracking ermöglichen soll.

Auch in anderen EU-Ländern gibt es zum Teil heftige Auseinandersetzungen ums Fracking, und auch dort soll offensichtlich die Gunst der Stunde für eine Offensive der interessierten Konzerne genutzt werden. Schützenhilfe kommt aus dem NATO-Hauptquartier in Brüssel. Dort gab Mitte Juni der Generalsekretär des kriegerischen Bündnisses, Anders Fogh Rasmussen, eine atemberaubende Propagandageschichte zum besten. Um die Abhängigkeit »Europas« – gemeint ist natürlich die EU – von den russischen Lieferungen aufrechtzuerhalten, würde Moskau eng mit Frackinggegnern zusammenarbeiten. Das vielleicht Erstaunlichste an dieser Geschichte ist, dass Fogh Rasmussen keine Angst hat, sich mit ihr lächerlich zu machen. Vermutlich waren die Äußerungen des NATO-Generalsekretärs auch als Testballons gedacht. Sie sollen helfen herauszufinden, ob sich die Bevölkerung tatsächlich mit derlei Schauergeschichten einschüchtern lässt. Aber allzu pessimistisch müssen wir diesbezüglich wohl nicht sein. Die letzten Jahre, in denen der „Wutbürger“ zum Schrecken des bürgerlichen Feuilletons wurde, haben gezeigt, dass überall im Lande viele Menschen jederzeit bereit sind, gegen unbeliebte Projekte aktiv zu werden, und sich dabei selten ein X für ein U vormachen lassen.

(wop)