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­Kommentar:

Selbstvergewisserung

Hundert Jahre jähren sich in diesem Jahr der Kieler Matrosenaufstand und die Novemberrevolution, der diese ausgelöst hat. Es ist durchaus erfreulich, dass dieses Jubiläum in unsere Stadt so viel Aufmerksamkeit findet. Denn die Erinnerung ist nicht nur eine Frage der Nostalgie sondern auch der Vergewisserung unserer selbst. Wollen wir ein Volk von Untertanen sein, wie es sich der preußische Militarismus versuchte heranzuziehen, ein Volk, das sich gegen andere aufhetzen und lustig singend in den Krieg treiben lässt? Oder wollen wir widerständiges Volk sein, dass sich nicht von den Admirälen in den sicheren Tod schicken, das lieber den Monarchen zum Teufel jagt und die Republik erkämpft?

Sicher – und an diese Tragik muss in diesen Tagen ebenfalls erinnert werden – der Sieg war nur ein halber. Sozialdemokratische Funktionäre und das Zögern der Mehrheit der Arbeiter sorgten dafür, dass mit dem Kaiser nicht auch sein Offizierkorps und die Herren Thyssen und Krupp in die Wüste geschickt wurden. Die neue Republik behielt den alten, stockreaktionären Beamtenapparat, und mit den von Noske in Kiel geschaffenen Freikorps war der erste Samen für den Aufstieg des deutschen Faschismus geschaffen. Die abgewürgte Revolution und der deutsche Faschismus sind siamesische Zwillinge.

Und wir sollten dieser Tage auch an die unglaubliche Brutalität der deutschen Reaktion erinnern. Tausende revolutionärer Arbeiter wurden nach den revolutionären Kämpfen in Berlin, Bremen, München und in anderen Städten ermordet. Wo die reaktionären Truppen siegten, wurde das Standrecht verhängt. Viele landeten vor den Erschießungskommandos, nicht wenige wurden Hinterrücks ermordet. 1920, nach dem Kapp-Putsch wiederholten sich diese Ereignisse im Ruhrgebiet, wo der gerade von den streikenden Arbeitern ins Amt zurückgeholte sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert zuließ, dass nach dem Ende der Kampfhandlungen die seinem Kommando unterstehenden Truppen Reihenweise Arbeiterfunktionäre, Krankenschwestern und Kämpfer der Roten Ruhrarmee ermordeten. Die Täter waren nicht selten Burschenschaftler, also der Nachwuchs der Bourgeoise, der übrigens diese Traditionen auch heute noch in Ehren hält. Wir sollten uns dieser Verbrechen erinnern, nicht um uns von ihnen einschüchtern zu lassen, sondern um unseren Gegner zu kennen. Er mag seine oberflächlichen Umgangsformen modernisiert haben, aber er hat sich um keinen Deut verändert.

(wop)