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Stimmungmache gegen Atomausstieg und erneuerbare Energieträger:

Zocker gefährden Stromversorgung

01.03.2012  Als vor knapp einen Jahr die Bundesregierung die gerade beschlossene Laufzeitverlängerung wieder kassierte, fehlte es nicht an düsteren Prognosen der AKW-Betreiber. Im Winter könnte das Netz zusammenbrechen, wenn die Solaranlagen keinen Strom liefern und der Wind ausbleibt. Einige Medien nahmen das begierig auf, und zwar insbesondere jene, die ansonsten Umwelt- und Klimaschützern gerne Panikmache vorwerfen.
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Da aber der Black Out bisher ausblieb, musste doch noch irgendwie eine dramatische Situation hergeschrieben werden. Anfang Januar hatte es bereits einen ersten Versuch gegeben, Mitte Februar starteten Spiegel und andere einen zweiten Anlauf. Beide Male war der Aufhänger der Medienkampagne das Anwerfen der Kaltreserve, das heißt, einiger alter Kohle- und Ölkraftwerke, die als eiserne Reserve für Notfälle gelten. Beim ersten Mal war aber der Anlass kein Engpass in der deutschen Versorgung, sondern die Tatsache, dass E.on den an diesem Tag reichlich anfallenden Windstrom bereits im Voraus nach Italien verkauft hatte. Dann fiel allerdings das AKW Gundremmingen C aus und der Konzern stand vor der Wahl, entweder konventional Strafe an die italienischen Kunden zu zahlen oder die Kaltreserve in Anspruch zu nehmen. Auch im zweiten Fall, der sich rund um den 8. Februar entwickelte, spielte der Stromexport ins Ausland eine wichtige Rolle. Frankreich, dessen AKW nicht mehr mit der Produktion hinterherkam, all die vielen französischen Elektroheizungen zu beliefern, bestellte große Mengen Leistung in Deutschland. Während de Kältewelle Anfang Februar hat der westliche Nachbar trotz um 20 Millionen Einwohner kleinerer Bevölkerung zeitweise fast doppelt soviel Strom wie Deutschland verbraucht.

Nachbarschaftshilfe

Deutschland war jedenfalls den ganzen Tag am 8. Februar wie auch sonst während der kalten Zeit meist Nettostromexporteur. Folglich kann es kaum an Engpässen bei der hiesigen Versorgung gelegen haben, dass an diesem Tag Teile der Kaltreserve angeworfen wurden. Auch die Bundesnetzagentur bestätigte, dass von Stromknappheit nicht die Rede habe sein können. Die Kaltreserve kann maximal eine Leistung von 1,2 GW ins Netz eingespeist haben. Exportiert wurden aber am fraglichen Tag und an den meisten anderen Tagen der ersten Februarwoche nach Angaben von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), im Schnitt 6,5 bis 7 GW. Wie schon Anfang Dezember wurde die Kaltreserve also in Anspruch genommen, um die Nachfrage im Ausland bedienen zu können. Das ist zwar nicht unbedingt verwerflich, denn gegen nachbarschaftliche Hilfe bei der Überbrückung von Versorgungsengpässen ist nichts zu sagen, aber das Anwerfen der Not-Kraftwerke als Indiz für Probleme mit der inländischen Versorgung zu verkaufen, ist pure Demagogie. Im übrigen lassen sich die hiesigen Netzbetreiber ihre Lieferungen teuer bezahlen.

In Anspruch genommen hat Frankreich meist mehrere Gigawatt (GW). Dass deutsche Kraftwerke aushelfen konnten, obwohl auch hierzulande der Verbrauch winterbedingt besonders hoch war, ist auch ein Verdienst der Wind- und Solarenergie. Windkraftanlagen hatten am 8. Februar durchgängig mindestens knapp zwei GW geliefert, in den frühen Morgenstunden bis mittags waren es zunächst sogar noch deutlich mehr. Hinzu kam noch, dass bei strahlend blauem Himmel auch die vielen Solaranlagen zwischen 10 und 14 Uhr, also zur Zeit des höchsten Verbrauchs, um die sechs GW lieferten, um Mittag herum stieg ihre Leistung gar auf sieben GW, was zu der Zeit etwas mehr als zehn Prozent der deutschen Produktion entsprach.

Verzockt

Eine Woche nach dem vermeintlichen Engpass kam heraus, wer für das Anwerfen der Kaltreserve verantwortlich war. Stromhändler hatten mit riskanten Manövern das deutsche Netz offensichtlich an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Der hohe Bedarf bei den französischen Nachbarn hatte dazu geführt, dass hierzulande die Kraftwerke auf Hochtouren liefen. Das Ergebnis war, dass die Strompreise am Spotmarkt der Leipziger Börse in die Höhe schnellten. Besonders tagsüber mussten für kurzfristig nachgefragte Leistung in  Deutschland zum Teil mehr als 30 Cent pro Kilowattstunde bezahlt werden.

Das war offensichtlich einer ganzen Reihe Händler von Händlern zuviel. Ein Brief der Bundesnetzagentur legt laut Berliner Zeitung nahe, dass die Einkäufer den Bedarf ihrer Kunden systematisch zu niedrig angesetzt haben, was schließlich zum Einsatz der Notreserve führte. Wäre in dieser Situation noch ein Kraftwerk außerplanmäßig ausgefallen, dann hätte es leicht zu einem großflächigen Zusammenbruch des Netzes kommen können. Und zwar nicht, weil es nicht genügend Erzeugungskapazitäten gegeben hätte, sondern weil aufgrund des Geschehens an der Strombörse massive Planungsfehler auftraten. Ob diese bewusst, mutwillig oder versehentlich herbeigeführt wurden, ist nun Gegenstand einer Untersuchung der Netzagentur, aber ihr Brandbrief legt nahe, dass die Situation nicht hätte eintreten müssen.

Die Stromhändler sind im Auftrag von Abnehmern tätig – meist industrielle Großverbraucher oder Versorgungsunternehmen, die Privatkunden und Gewerbe beliefern. Gesetzlich geregelte Aufgabe der Händler ist es, den Bedarf ihrer Kunden viertelstundengenau unter anderem Anhand von Erfahrungswerten anzumelden. Im allgemeinen funktioniert das ziemlich gut. Regelkraftwerke kommen zum Einsatz, wenn kleine Abweichungen zwischen den Vorhersagen und dem tatsächlichen Bedarf eintreten. Während der letzte Woche haben nun aber, wie es den Anschein hat, eine ganze Reihe der Händler den Bedarf kleingerechnet, um nicht den durch die französische Nachfrage verteuerten Spotmarktstrom einkaufen zu müssen. Stattdessen verließen sie sich darauf, dass schon genügend Regelstrom im Netz sein wird, für den sie nur etwa zehn Cent pro Kilowattstunde bezahlen würden müssen.

Bis ans Limit

Letztendlich wurde das System dadurch soweit ausgereizt, dass die Kaltreserve angeworfen werden musste, ein paar für Notfälle vorgehaltene Kraftwerke. Wie berichtet, waren einige Medien letzte Woche schnell mit dem Vorwurf zur Hand, daß hierfür Wind- und Sonnenenergie verantwortlich gewesen sei. Es passte halt so schön in die gerade laufende Kampagne gegen die Energiewende und insbesondere gegen die boomende Verbreitung von Solaranlagen.

Welche Lehren sind aus dem Vorfall zu ziehen? Naheliegend wäre es, den Preis für die Regelenergie und an den jeweils geltenden und stündlich festgelegten Spotmarktpreis zu koppeln, vielleicht in Verbindung mit einer Mindesthöhe. Darüber hinaus stellt sich aber erneut die Frage nach dem Sinn des Börsenhandels. Der Handel ließe sch genauso gut mit Lieferverträgen organisieren, wenn das Dogma der Liberalisierung nicht angekratzt werden soll. Doch auch das gehört auf den Prüfstand. Es liegt in der Natur der Stromversorgung, daß sie im hohen Maße geplant und reguliert werden muß. Angebot und Nachfrage müssen nämlich im Netz jederzeit übereinstimmen, andernfalls kommt es zum Black Out. Nur relativ kleine Differenzen im Bereich einiger Sekunden sind technisch möglich.

Netze kontrollieren

Entsprechend müssen Kraftwerke hoch und runter geregelt und gegebenenfalls auch ab- und angeschaltet werden, und eigentlich wäre es sinnvoller, dies einer unabhängigen, nicht profitorientierten Instanz zu überlassen. In Dänemark wurde genau dieser Weg gewählt, als im letzten Jahrzehnt sich die EU-Staaten auf Marktliberalisierung und Trennung von Netz und Erzeugung geeinigt hatten. Beim nördlichen Nachbarn wurde das Hoch- und Höchstspannungsnetz, sozusagen das Rückgrat der Versorgung, einer unabhängigen Gesellschaft zu übertragen, die politisch kontrolliert wird und keinen Gewinn erwirtschaftet. Ihre Aufgabe ist es, die Verteilung zu optimieren und deren Umbau vor dem Hintergrund eines wachsenden Anteils erneuerbarer Energieträger und kleiner, dezentraler Kraftwerke zu organisieren, die zugleich Strom und Wärme liefern.
Hierzulande werden ähnliche Konzepte einer öffentlichen Netzgesellschaft vor allem von der Linkspartei und einer Minderheit innerhalb der Grünen vertreten. Auch die SPD hatte sich in den letzten Jahren zeitweise, jedoch mit wenig Nachdruck, für eine einheitliche und öffentliche Netz-Organisation eingesetzt. Die in den den letzten Jahren auf Druck der EU-Kommission erfolgten Netzverkäufe von E.on, EnBW, Vattenfall und RWE wären die passende Gelegenheit gewesen, aber mit der entsprechenden politischen Mehrheit im Bundestag ließen sich die Netze auch jetzt noch für einige wenige Milliarden Euro in öffentliches Eigentum überführen.

(wop)