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"Sozial ist was Arbeit schafft" ?

8.480 "Multi-Jobber" in Kiel

multijobber

01. Mai 2013 Nach einer Untersuchung, die das Pestel-Institut im Auftrag von ver.di und der NGG, geht hervor, das immer mehr KollegInnen in Kiel einen Zweitjob benötigen. Mehr als 8480 KollegInnen waren im letzten Jahr auf einen zusätzlichen Mini-Job angewiesen. Seit zehn Jahren gab es einen Zuwachs von 117 Prozent. "Im letzten Jahr hätten nahezu neun Prozent der Beschäftigten in Kiel sich mit einem 400-Euro-Job nebenher etwas dazuverdient", sagte Studienleiter Matthias Günther vom Pestel-Institut „Wir haben das Phänomen der Multi-Jobber. Das sind Menschen, die mit dem Geld, das sie in ihrem Hauptjob verdienen, nicht mehr auskommen. Deshalb müssen sie auf einen oder mehrere Nebenjobs ausweichen, um überhaupt noch über die Runden zu kommen. Aus der puren Lust an einer 55- oder 60-Stunden-Woche macht das jedenfalls keiner“, sagt die Geschäftsführerin des ver.di-Bezirks Kiel-Plön, Susanne Schöttke. Verantwortlich sind neben den Niedriglöhnen, die stetig steigenden Lebens- haltungskosten. (Heizungs- und Stromkosten, Lebensmittel ect.) "----

Abhilfe kann nur ein einheitlicher gesetzlicher Mindestlohn schaffen, darin sind sich ver.di und NGG einig. „8,50 Euro pro Stunde – das ist der Mindestpreis, den Arbeit bei uns hat. Wer heute für weniger Geld arbeiten muss, der hat keine Chance, von dem, was er verdient, auch leben zu können“, sagt der Geschäftsführer der NGG-Region Schleswig-Holstein Nord, Finn Petersen. Er macht deutlich, dass selbst ein Mindestlohn von 8,50 Euro am Ende gerade einmal für ein Leben reiche, das „haarscharf über dem Hartz-IV-Niveau“ liege. Die generelle Lohnuntergrenze von 8,50 Euro pro Stunde könne daher nur ein Einstieg sein. „Alles darunter bedeutet erhebliche Abstriche beim Lebensstandard. Und vor allem auch ‚Ebbe bei der Rente’ – Altersarmut ist so programmiert“, so Petersen. Auch ein 8,50-Euro-Mindestlohn müsse daher rasch in weiteren Schritten angehoben werden.

Eine klare Absage erteilen ver.di und NGG dem Vorhaben der schwarz-gelben Regierungskoalition in Berlin, regional unterschiedliche Lohnunter-grenzen einzuführen. „Dann würde Deutschland zu einem ‚Lohn-Flicken-teppich’. Das Ziel, das Union und FDP dabei verfolgen, ist klar: Billig-Regionen etablieren, in denen die Arbeit dann überall unter 8,50 Euro Stundenlohn gehandelt wird“, sagt Susanne Schöttke. Die ver.di-Geschäftsführerin warnt vor einer „Deutschlandkarte mit Dumpinglohn-Löchern“, in die hinein dann „von skrupellosen Unternehmen die Aufträge vergeben“ würden. Abgesehen davon hält Schöttke regionale Mindestlohn-Tarifverhandlungen „schlichtweg für nicht machbar, da sich die Arbeitgeber von Lohndrücker-Branchen garantiert nicht an einen Verhandlungstisch setzen würden“. Auch wirksame Kontrollen wären bei wechselnden Mindestlohn-gebieten in der Praxis nicht machbar. „Beim Mindestlohn gilt: Einer für alle“, unterstreicht Finn Petersen. Der NGG-Geschäftsführer appelliert an Beschäftigte, die heute in Kiel zu einem Niedriglohn arbeiten, beim „Dumpinglohnmelder“ unter www.dumpinglohnmelder.de darauf hinzu-weisen, um so an der „Deutschland-Billiglohn-Landkarte“ mitzuschreiben.

Die Zahl der KollegInnen, die neben ihrem Hauptberuf einen Zweitjob benötigen um Leben zu können, ist in den letzten Jahren in Deutschland stetig gestiegen. Über 2,6 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte haben zusätzlich einen Minijob auf 400.- Euro-Basis. Viele KollegInnen verdienen sich  im Gastgewerbe, in der Gebäudereinigung, im Einzelhandel, aber auch im Gesundheits- und Sozialwesen etwas dazu.

Außerdem beziehen Immer mehr KollegInnen neben ihrem Arbeitsentgelt Leistungen nach den Hartz IV Gesetzen, also ALG 2. Im vergangenen Jahr erhielten über 1,3 Millionen KollegInnen aufstockendes ALG II, um ihr Existenzminimum zu sichern. (BA) Die meisten der Hartz IV Aufstocker arbeiten weniger als 15 Stunden pro Woche. Jeder fünfte Hartz IV Aufstocker geht einer Vollzeitbeschäftigung nach.

Wer Karl Marx und seine Theorie objektiv und sachlich betrachtet, kann aus ihr durchaus Schlüsse, über die heutigen Bedingungen, des "modernen" Kapitalismus ziehen. Marx stellte fest, dass der Arbeitslohn für die Arbeit so bemessen sein muss, dass die Arbeitskraft sich reproduzieren kann. Mit den heutigen Niedriglöhnen ist in Deutschland eine sichere Existenz nicht möglich, d.h. in vielen Bereichen wird weniger bezahlt als zur Reproduktion der Arbeitskraft (zum Leben) erforderlich ist. Deshalb springt der Staat ein, entlastet die Arbeitgeber, auf Kosten der Allgemeinheit und bezuschusst den Niedriglohnsektor. Durch die Schaffung des Niedriglohnsektors und der Aufstockung der Niedriglöhne durch den Staat, ist in Deutschland ein Zustand eingetreten, den die klassischen, liberalen Ökonomen sicherlich nicht für möglich gehalten haben. "Sozial ist was Arbeit schafft", heißt das Motto in der sogenannten sozialen Marktwirtschaft (hört sich besser an als sozialer Kapitalismus) Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft ist aber immer verbunden mit  Ausbeutung, Existenzangst, Druck und Konkurrenz. Denn hier manifestiert sich am deutlichsten der kapitalistische Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit. Verschärft hat sich die Situation für die ArbeitnehmerInnen, RentnerInnen und ihren Familien durch die Einführung der sozialdemokratischen Agenda 2010.

(hg und Pressemitteilung ver.di)