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Jahrestag der Bücherverbrennung:

Mahnendes Erinnern

Vor 80 Jahren brannten in Deutschland im Mai allerorten Bücher. Auch in Kiel ließen die Hitlerfaschisten am 10. Mai 1933 auf dem Wilhelmplatz Bücher "wider den undeutschen Geist" in die Flammen werfen. Und es sollte sich wenige Jahre später das bewahrheiten, was Heinrich Heine 100 Jahre zuvor geschrieben hatte: "Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen." Aus diesem Anlass hatten der Verband der Schriftsteller Schleswig-Holsteins (VS) in Zusammenarbeit mit ver.di, IG Metall, GEW und Wilhelm-Strech-Fonds für Toleranz und Solidarität und die Landeszentrale für politische Bildung am 10. Mai zu einer Mahnverstanstaltung ins Literaturhaus Schwanenweg geladen, auf der aus "verbrannten Büchern" gelesen und über das Schicksal ihrer Autoren informiert wurde.

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Susanne Schöttke (ver.di Kiel-Plön) ging in ihrer Eröffnungsrede auf die Ereignisse vor 80 Jahren in Kiel ein: "Ausgangspunkt war eine Versammlung in der Aula der Christian- Albrechts-Universität Kiel, in der Philosophieprofessor Weinhandl in seiner Rede 'Undeutscher Geist – Deutscher Geist' forderte: 'Deutsche Studenten und Studentinnen! In einer Stunde wird die deutsche Studentenschaft ein Stück des Ungeistes der letzten vierzehn Jahre den Flammen übergeben. In ganz Deutschland werden heute in dieser Nacht tausende von Schriften und Büchern verbrannt werden, die als zersetzendes Gift an unserem Volkskörper fraßen.' Der sich anschließend formierende Fackelzug – angeführt von der Universitätsfahne, gefolgt von Hakenkreuzfahnen, SA, Studenten und einer an- sehnlichen Menge Kieler Bürger – zog quer durch die Kieler Innenstadt zum Wilhelmplatz, wo dann aus den Kieler Bibliotheken aussortiete 'Bücher undeutschen Geistes' in Flammen aufgingen. Und hier muss vermerkt werde: Den Kieler Studierenden gebührt das unrühmliche Verdienst, als eine der ersten Universitäten (nämlich seit Februar 1927) von der Nazi- Studentengruppe repräsentiert zu werden."Auf der Veranstaltung wurden politische Texte der beiden Weltbühne-Autoren Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky vorgestellt (durch Dr. Rolf-Peter Carl) sowie Autobiografisches von Leonhard Frank (durch Lorenz Gösta Beutin), Teilnehmer an der Münchner Räterepublik und mit "Der Mensch ist gut" Autor eines der erfolgreichsten Antikriegsbücher er Weimarer Republik.

Näher eingegangen werden soll auf das Schicksal Carl von Ossietzky, der vor 75 Jahren am 4. Mai 1938 an den Folgen seiner KZ-Haft 48 jährig gestorben ist. Seit 1927 Redaktionsleiter der linken Wochenzeitung "Die Weltbühne" kritisierte Ossietzky die antidemokratische und kriegstreiberische Politik der Präsidialkabinette der Weimarer Republik. Für einen Artikel, der die illegale Rüstungspolitik der Reichswehr aufgedeckt hatte, musste er "wegen Verrats militärischer Geheimnisse" eine halbjährige Haftstrafe antreten. Ossietzkys politischer Standpunkt kommt noch einmal auf einem seiner letzten öffentlichen Auftritte im Februar 1933 vor Berliner Schriftstellern zum Ausdruck, wo er feststellte: "Die Flagge, zu der ich mich bekenne, ist nicht mehr die schwarzrotgoldene dieser entarteten Republik, sondern das Banner der geeinten antifaschistischen Bewegung." Nach der Machtübertragung an die Nazis wurde "Die Weltbühne" sofort verboten und Ossietzky in "Schutzhaft" genommen. Es folgten qualvolle Jahre der KZ-Haft, u.a. im KZ Esterwegen im Emsland. Durch internationalem Druck (u.a. wurde ihm der Friedens-nobelpreis verliehen) 1936 aus dem KZ entlassen, starb er 1938 an den Folgen schwerer Misshandlungen und einer TBC-Erkrankung.

Dass es der Antifaschist Ossietzky auch in der Bundesrepublik schwer hatte macht die politische Auseinandersetzung um die Namensgebung der Uni Oldenburg deutlich, deren Lehrbetrieb 1974 aufgenommen wurde. Die Benennung nach dem Widerstandskämpfer Carl von Ossietzky lehnten die Landesregierungen unter Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) ab und es bedurfte eines über 16 Jahre währenden Kampfes der Studierenden, Lehrenden und anderer Mitarbeiter der Universität Oldenburg, bis diese am 13. Oktober 1991 den Namen „Carl von Ossietzky“ erhielt. Günther Ernst vom VS machte abschließend anhand der Morde des NSU-Terrornetzwerkes auf die Ge- fahren aufmerksam, die breit in der Gesellschaft verankerter Nationalismus und Rassismus auch heute darstellten und dass Aufklärung und politisches Handeln angesichts der Ereignisse von vor 80 Jahren eine dauernde Heraus-forderung aller Demokraten seien.

"Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zer- treten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat." (Erich Kästner)
text: gst