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CHEFDUZEN.DE:

Wie ein Kieler Internetprojekt die Ausbeuter auf die Palme brachte – 

sich online austauschen und offline kämpfen!

Das neue Jahrtausend war gerade angebrochen, da entstand die Idee für ein klassenkämpferisches Projekt, das sich in seinem Ansatz von linken Gruppen und Initiativen stark unterschied. Es ging darum, sich nicht nur von einem politischen Thema zum nächsten zu hangeln, wo man sich nach dem Protest gegen einen Wirtschaftsgipfel dem Kampf gegen eine Nazidemo widmet. So wichtig solche Aktivitäten sein mögen, bieten sie keine Perspektive gegen die Erniedrigungen des Alltags durch die kapitalistischen Verhältnisse. Unsere Idee war denkbar simpel. Wir wollten zu einem Stammtisch einladen, um sich über die Probleme bei der Arbeit oder der Arbeitslosigkeit auszutauschen. Es sollte nicht um das gehen, was man „Politik“ nennt, sondern um die soziale Frage, die auch Menschen betrifft, die sich nicht als links definieren. Ausbeutung, Verarmung, Stress beim Amt und Ärger mit dem Vermieter. Allerweltsprobleme, die letztendlich hochpolitisch sind. Es war Zufall, dass zur gleichen Zeit in den USA die Dotcom Blase platzte und zehntausende Beschäftigte ihren Job verloren. Sie kommunizierten mit Hilfe des Forums „Netslaves“ und bestachen durch ihre lebensnahe und undogmatische Haltung in ihrer Selbstorganisierung, die sich stark von den klassischen gewerkschaftlichen Organisierungs- und Kampfformen unterschied. Man verlor dabei nicht den Humor, quatschte über den neuen Alltag mit der Jobsuche und machte sich auch Gedanken über die „große Politik“. Dieser ungewöhnliche Kampf amerikanischer IT-Leute wurde zu dem Vorbild für das Projekt chefduzen.de, das im Dezember 2002 in Kiel online ging.

      

Es dümpelte eine ganze Zeit vor sich her. Der Stammtisch hat nun auch nicht gerade den großen Zulauf, wir nötigten erst einmal Leute aus dem eigenen Bekanntenkreis zu unserer Runde und auch das Internetforum war nicht gerade am Brummen. Die Beiträge schrieben die wenigen Aktivisten des Projekts unter verschiedenen Nicknames selbst, bis die ersten realen Postings auftauchten. Das änderte sich erst, als ein bayrisches Leiharbeitsunternehmen die Forenbetreiber aufforderte, einen Bericht über ihr Unternehmen zu löschen. Als das keinen Erfolg hatte, wurden juristisch große Geschütze aufgefahren und da die juristische Beurteilung von Internetaktivitäten Neuland war, war das Vorgehen des bayrischen Gerichts von bundesweitem Interesse. Über die Androhung eines Zwangsgelds von bis zu 250.000 € oder einer bis zu sechsmonatigen Haft wurde bundesweit von den großen Medien berichtet. Seit dem kann sich das Forum nicht über mangelnde Bekanntheit beschweren und es wird täglich von tausenden Menschen besucht.

Die Betreiber der Forums mussten sich an die Vielzahl von Löschungsaufforderungen, Anwaltsschreiben und teilweise auch juristische Verfahren erst gewöhnen, doch es bestätigte sie, wie groß die Wirkung die offene Diskussion unter den Ausgebeuteten doch ist. Ohne die aktive Hilfe der Roten Hilfe hätte des Forum den Angriffen der Ausbeuter auch nicht standhalten können. 

Der Stammtisch konnte keinen so rasanten Aufstieg in seiner Bedeutung erfahren und er war fast 10 Jahre lang nur eine nette Runde für den Austausch über Probleme, Klatsch und Tratsch. Es half gegen Vereinzelung, man blieb auf dem Laufenden, es war meist recht lustig, doch es kamen keine gemeinsamen Aktivitäten dabei heraus. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Es wurden aus diesem Kreis Veranstaltungen organisiert, Flugblätter verfasst und verteilt und es wurden auch weitere Aktivitäten in Richtung Stadtteil- und Mieterarbeit aufgenommen. Besonders erwähnenswert ist jedoch die Wirkung des Forums in Betriebe hinein. Gerade in den Bereichen der prekären Arbeit, wo die Menschen sich nicht durch Gewerkschaften vertreten fühlen, spielt chefduzen eine manchmal besondere Rolle. Zu den erwähnenswertesten Geschichten gehört ein erfolgreicher Kampf von Leiharbeitern auf einem Flughafen in einer Mischung aus Sabotage und Wildem Streik, dann ein Sick-out von 3/4 einer 600 köpfigen Belegschaft eines Callcenters und dem grenzüberschreitenden Protest mit VW-Leiharbeitern in China, der zur Festeinstellung von 900 Leiharbeitern zum doppelten Lohn in die Stammbelegschaft geführt hat.

Wir treffen uns weiterhin jeden ersten Donnerstag des Monats ab 19 Uhr im Raucherraum der Babule in Kiel-Gaarden und es finden nun eine Reihe von Veranstaltungen im „Li(e)ber Anders“ (Iltisstraße 34) am jeweils ersten Dienstag zu verschiedenen Themen statt. Am 3. Dezember 2019 zum Thema Callcenterarbeit, am 7. Januar 2020 wohl zum Thema Leiharbeit.

www.chefduzen.de