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Nachruf auf Karl Qualmann

Karl Qualmann farbe


01. Juni 2014 Wir mussten Abschied nehmen von unserem Freund und Genossen Karl Qualmann, der am 16. April 2014 in Kiel gestorben ist. Uns Linken fällt es schwer, über den Tod eines Menschen zu sprechen. Bürgerliche Traditionen wollen wir nicht. Religiöse Riten sind uns fremd. Dem christlich geprägten Weltbild, dass Krankheit, Tod und Sterben einen Sinn ergeben, glauben wir nicht. Deshalb wollen wir lediglich darüber nachdenken, was Karl uns als Freund und Genosse bedeutet hat. Karl ist geboren und aufgewachsen in Preetz, in einer sozialdemokratisch geprägten Familie. Es war für ihn von Anfang an klar, er gehörte auf die Seite der Arbeiter. Aus seiner Sozialisation heraus hatte er einen ganz ursprünglichen Zugang zu gemeinschaftlichem solidarischem Handeln. Dass er sich bei den JUSOS organisierte, war nur folgerichtig. Immer von Freunden und Freundinnen umgeben, mit denen er sich beriet, diskutierte, organisierte, mischte er sich ein in die Politik der Preetzer SPD. Oktober 1969 war in der Regierungserklärung von Willy Brandt der Satz von „Mehr Demokratie wagen …“ gefallen. Karl baute darauf, und setzte sich entschieden dafür ein. Dabei erfuhr er die Enge der realen örtlichen SPD-Partei-Struktur und wurde aus der SPD ausgeschlossen. Dennoch hat Karl sich weiterhin lebenslang gründlich mit der Sozialdemokratie auseinandergesetzt. Er hat sich, wie er es ausdrückte, aus ihr „herausgearbeitet“ und „herausgekämpft“. Und blieb damit der Geschichte und Tradition dieser Partei immer verbunden.

Aber da hatte er längst angefangen, sich gedanklich, theoretisch und praktisch an die Grenzen des kapitalistischen Systems zu begeben. Die Stadt Kiel, mit ihren Roten Zellen und später dem Kommunistische Bund Westdeutschland (KBW) waren geographisch und politisch nicht weit von ihm entfernt. Bald hat Karl dort an führender Stelle mitgemischt. In den 70er Jahren war die Zeit der großen Demonstrationen gegen das Kernkraftwerk Brokdorf und im Zusammenhang damit die Zeit vieler Demos auch in Kiel, der Landeshauptstadt. Er war schon stolz, als er viele viele Jahre später über seinen Anwalt an Polizeifotos herankam, die ihn da voll in Aktion gezeigt haben.

Die Zeit nach 1980 ist markiert durch die Spaltung des KBW. Das war auch für Karl eine Zeit politischer, aber auch beruflicher Neuorientierung. Karl machte seine Meisterprüfung im Beton-Bau. Später folgte die Ausbildung als Informatiker. Und er gehörte zu den Freunden und Genossen, die es nach dem Scheitern des KBW ohne politischen organisatorischen Zusammenhang nicht aushielten. Deshalb trat er dem Bund Westdeutscher Kommunisten (BWK) bei. Das war für ihn nicht nur eine psychologische, sondern vorrangig eine politische Frage. Er wollte verstehen, was da vor sich gegangen war. Vorbei der starke Apparat, mit zentralistischer Struktur und Technik. Unwiederbringlich vorbei war es mit dem Anspruch, die Avantgarde der  Arbeitklasse zu sein. Was aber war mit den Inhalten, den Zielen, den Hoffnungen? Eine Welt, frei von Ausbeutung und Unterdrückung: Das Problem war ja wahrhaftig nicht gelöst! Karl hat diese Zeit des KBW nie abgetan als „vertane“ und als „verlorene Zeit“ oder als „vergeudete Jugend“. Er nutzte seine Erfahrungen, in gemeinschaftlichem Handeln, einen neuen Lernprozess zu gestalten. Vor allem in der Kieler „Arbeitsgruppe Kommunistische Politik“.

Als „reine“ Marxisten hatten wir gelernt: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“.  Es konnte also nur noch darum gehen, den revolutionären Kern der Geschichte durch Aufopferung und mutige Entschlossenheit hervorzuzwingen. Alles hatte sich dem unterzuordnen. Wir meinten das Geheimnis der Geschichte zu kennen. Dazu auch noch ihr Ziel und die Lösung aller Probleme zu wissen. Wir wollten zu denen gehören, die die Zukunft „in ihren Händen tragen“, wie es im „Kommunistischen Manifest“ steht. Aber den Kapitalismus einfach als „non-plus-ultra“ zu akzeptieren, das konnten und wollten wir auch nicht. Deshalb befassten wir uns zunächst einmal gründlich mit geschichtlichen und philosophischen Fragen. Das werden wir wohl nie vergessen: Wenn wir zusammen saßen, unsere Projekte, Untersuchungen und Artikel besprachen, dann rief er gleichsam alle Philosophen und Wissenschaftler mit an den Tisch, um zur Klärung seiner Fragen beizutragen. Von Aristoteles bis Kant mussten sie alle antreten. Besonders die soziologischen Untersuchungen von Bourdieu und die System-Theorie von Luhmann haben ihn und uns besonders beschäftigt.

Ende der 80er Jahre waren durch den Zusammenbruch der Planwirtschaft im Osten zentrale Elemente des wissenschaftlichen Marxismus erneut in Frage gestellt. Dem mussten sich alle Genossinnen und Genossen stellen, welcher Schattierung im linken Spektrum sie auch angehörten. Zerbrochen war die Auffassung von der Planbarkeit der Welt. Zerbrochen war ein Geschichtsverständnis, das die Entwicklung der Gesellschaft wie einen naturgesetzlichen Prozess verstand. Aber für eine gerechte Gesellschaft frei von Ausbeutung und Unterdrückung wollten wir uns weiter einsetzen. Karl war in unserer Arbeitsgruppe ein sehr hartnäckiger Diskutant. Hatte er einen Gedanken zu fassen, ließ er sich nicht so leicht stoppen. In seinen Diskussionsbeiträgen war er erfüllt vom Willen zu begreifen, was historisch und ökonomisch Sache ist und was die gesellschaftlichen Widersprüche bestimmt. Zugleich hat er sich in Kiel eingebracht in die Entwicklung linker Politik. Konkret, als es darum ging, die PDS auch in Schleswig-Holstein aufzubauen, um sie dann in den nicht leichten Diskussionen mit der WASG zur Partei DIE LINKE zusammen zu führen. Das war nicht immer leicht.

Zumal er es auch immer weniger schaffte, aus gesundheitlichen Gründen verlässlich an Terminen der Parteiarbeit bei der LINKEN teilzunehmen. Das konnte ihn auch mal bitter machen. Sein Leben wurde  immer mehr geprägt von seiner schlimmen Krankheit, die ihn drei Mal pro Woche zur Dialyse zwang. Hartnäckig kämpfte er bis zuletzt darum, an unserer politischen Arbeit teilzunehmen.

Wir sind froh, dass Karl als Freund und Genosse Teil unseres Lebens war.

Karl-Helmut Lechner